Armut wird auch in Hernes Zahnarztpraxen spürbar

Dr. Markus Willmes ist in Herne Bezirksvorsitzender der kassenzahnärztlichen Vereinigung. Der 52-Jährige praktiziert in Eickel – und kämpft dort in seiner Praxis mit ähnlichen Problemen wie die Kollgen im Stadtgebiet.
Dr. Markus Willmes ist in Herne Bezirksvorsitzender der kassenzahnärztlichen Vereinigung. Der 52-Jährige praktiziert in Eickel – und kämpft dort in seiner Praxis mit ähnlichen Problemen wie die Kollgen im Stadtgebiet.
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Was wir bereits wissen
Dr. Markus Willmes will für jeden Patienten den finanziell machbaren Behandlungsstandard verwirklichen. Ein Interview mit dem Sprecher der Zahnärzte.

Herne..  Eine Praxis im Schatten des altehrwürdigen Eickeler Gymnasiums. Dr. Markus Willmes trägt ein einfaches weißes T-Shirt und Turnschuhe, ein Halbgott in Weiß sieht anders aus. Der 52-Jährige ist zum Bezirksvorsitzenden der kassenzahnärztlichen Vereinigung wiedergewählt worden, also quasi zum Sprecher der Herner Zahnärzte. WAZ-Redakteur Martin Tochtrop fühlte dem Mediziner auf den Zahn.

Herr Dr. Willmes, Herne zählt ja nicht gerade zu den reichen Städten. Welche Klientel hat man als Zahnarzt in Eickel?

Dr. Markus Willmes: Neben dem eher durchschnittlichen Patientenaufkommen wird in den letzten Jahren verstärkt die wirtschaftliche Depression deutlich, und es kommen etliche Menschen, die keine Deluxe-Behandlung in Anspruch nehmen können. Da gibt es zunehmend Versicherte, die unter die gesetzliche Härtefallregelung fallen. Da ist dann zum Beispiel im Zahnersatzbereich nur die Regelversorgung möglich. Diese hat natürlich einen weitaus geringeren Standard als das, was heute medizinisch machbar und wünschenswert wäre. Wir sind nicht in Münster oder Düsseldorf, wo alle Formen der Behandlung von vielen leichter bezahlt werden können. Hier in Eickel kämpfen wir in unserer Praxis – wie viele andere Kollegen auch – trotzdem dafür, für jeden den für ihn finanziell machbaren Behandlungsstandard zu verwirklichen.

Opfer von Armut sind ja besonders die Kinder. Gibt es hier speziell bei dem Thema Zahngesundheit Probleme?

Wir besuchen Kindergärten und versuchen, die Kinder möglichst angstfrei an den Zahnarzt heranzuführen. Wir machen Elternabende, da ist das Interesse aber eher gering. Gruppen aus den Kitas kommen auch in die Praxis, um Zahnarztpraxis möglichst entspannt in der Gruppe kennenzulernen. Wir beobachten seit Jahren, dass sich der Behandlungsbedarf auf eine relativ kleine Gruppe konzentriert. Das hat auch etwas mit dem Thema sozialer Brennpunkt zu tun.

Wie wirkt sich das konkret auf Ihre Arbeit aus?

Häufig klappt die Betreuung der Kinder im Elternhaus nicht, so dass die Mundhygiene durch mangelnde Anleitung leidet. Auch die Ernährung ist hier nicht optimal.

Was kann man denn in den Kindergärten tun, als Vorbeugung?

Die Kinder bekommen dort eine Anleitung, wie man die Zähne putzt. Manche kennen nicht einmal eine Zahnbürste. Das Putzen ist ganz wichtig, natürlich versuchen wir aber auch, eine zahngesunde Ernährung zu vermitteln.

Nach der Disco zum Zahnarzt

Wir hatten jüngst eine Beschwerde über den zahnärztlichen Notdienst, weil ein Anrufbeantworter nachts nicht funktionierte. Das ist ärgerlich. Kommt so etwas regelmäßig vor?

Alle niedergelassenen Zahnärzte müssen am Notdienst teilnehmen, das sind gut 90. Montags, dienstags, donnerstags und freitags gibt es eine Rufbereitschaft. Mittwochs, samstags und sonntags werden innerhalb des Notdienstes feste Sprechstunden eingerichtet.Der Anrufbeantworter steht in der Praxis Koch und wird von den Angestellten dort bedient. Da kann es schon mal technische Probleme geben, das kommt aber relativ selten vor. Ganz schwere Fälle landen sowieso nicht bei uns, sondern in den kieferorthopädischen Notdiensten in Bochum und Recklinghausen.

Wird denn der zahnärztliche Notdienst häufig in Anspruch genommen?

Ja, ich würde von einer hohen Frequentierung sprechen, weil sich Fälle einfinden, die keine echten Notfälle sind. Die könnten auch bis zum nächsten Tag warten. Da sind Menschen, die haben schon seit Wochen Zahnschmerzen und gehen dann ausgerechnet nachts zum Zahnarzt. Wir erledigen neben unserer ganz normalen Sprechstunde zusätzlich unseren Notdienst. Dafür bekommen wir nur einen ganz minimalen Sonderzuschlag. Aufgrund der Budgetierung kann es sogar sein, dass ich für die Behandlung gar nichts bekomme. Es gibt Leute, die rufen um 2 Uhr nachts an und denken, weil die Disco zu Ende ist, könnten sie jetzt zum Zahnarzt gehen. Es hat auch schon tatsächlich jemand um 2 Uhr angerufen und gefragt, ob er nach seiner Arbeit um 5 Uhr morgens in der Praxis vorbeikommen kann.

Das hört sich alles nach viel Stress an. Lieben Sie denn Ihren Beruf trotzdem?

Obwohl ich nach 23 Jahren Tätigkeit viele bürokratische Hürden meistern muss, übe ich meinen Beruf sehr, sehr gerne aus. Es ist eine Tätigkeit, bei der man ein schnelles Erfolgserlebnis hat. Der Patient geht in einem besseren Gesundheitszustand als vorher aus meiner Praxis, kann besser kauen und sieht besser aus. Ich besitze keinen Porsche und andere Reichtümer, wie es früher das Image der Zahnärzte war, für mich ist es einfach schön, für die Patienten etwas Sinnvolles leisten zu können.