Alle unter einem Dach
19.02.2010 | 20:04 Uhr 2010-02-19T20:04:00+0100
Der Verein WIG Herne will ein Wohnkonzept von früher wiederbeleben. Gemeinschaft steht im Fokus.
Auf den ersten Blick haben sie nicht viel gemeinsam: ein älteres Ehepaar in Rente, eine vierköpfige Familie, die Eltern berufstätig, die Kinder in der Grundschule und die junge Gesundheits- und Krankenpflegerin, gerade Mitte 20. Ein Traum jedoch verbindet sie. Thomas Kaufmann (37) fasst ihn in Worte: „Wir wollen in angenehmer Atmosphäre wirklich miteinander wohnen, nicht aneinander vorbei.”
Thomas Kaufmann ist eines der Mitglieder des Vereins „WIG Herne - Wohnen in Gemeinschaft”. Mit dem Projekt eines Mehrgenerationen-Wohnhauses an der Straße des Bohrhammers im Herner Süden soll der Traum, den die Mitglieder teilen, verwirklicht werden. Ein Großteil der 32 Wohnungen ist bereits vergeben. Für die übrigen fünf – zwei Erst- oder Singlewohnungen à 40 qm und drei weitere zwischen 53 und 94 qm – werden noch Mieter gesucht. „Insbesondere freuen wir uns über junge Leute und Familien, die Interesse an unserem Projekt haben”, so Kaufmann.
Entschließt man sich, in eine der Wohnungen zu ziehen, wird man gleichzeitig Mitglied im Verein. Ziel von „WIG Herne” ist es, Solidarität und Miteinander unterschiedlicher Generationen zu leben. Ältere Menschen können beispielsweise als „Ersatzgroßeltern” einspringen, wenn ein Babysitter nötig ist, die jüngeren bei Einkäufen helfen. „Das ist gegenseitiges Geben und Nehmen von allen Seiten”, sagt Thomas Kaufmann. Jessica Bretschneider ist vom Konzept überzeugt. Über das Internet ist sie auf die Wohnung aufmerksam geworden. Obwohl sie vorher keinen ihrer zukünftigen Nachbarn kannte, besteht schon jetzt ein freundschaftliches Miteinander. „Mir liegt das Projekt sehr am Herzen”, so die 25-Jährige, „weil man mit Alt und Jung unter einem Dach lebt und das Wohnkonzept von früher wiederbelebt.”
Dass das Miteinander im Fokus steht, sieht man an vielen Stellen. Die Wohnungen bieten zwar den nötigen privaten Rückzugsraum, ein großer Gemeinschaftsraum mit Küche steht allerdings ebenso bereit. Statt mehrerer Parzellengärten gibt es einen gemeinschaftlichen Garten für alle Bewohner, einen Spielplatz für die Kleinen und auch gemeinsame Aktionen und Ausflüge sollen in Zukunft stattfinden. Ebenso hatten alle Mieter schon im Vorfeld Mitbestimmungsrecht bei allen Gestaltungsfragen. Wie soll das Haus ausgerichtet sein? Wie soll der Garten aussehen? Welche Farbe soll die Fassade haben? „Selbstverständlich aber in Absprache mit den Architekten und der Wohnungsgenossenschaft”, lacht der Vereinsvorsitzende Peter Pochodzala (66).
Zwar wird das Haus barrierefrei gebaut, „allerdings sind wir kein alternatives Seniorenheim und die jungen Mitbewohner kein günstiger Zivi-Ersatz”, betont Thomas Kaufmann. „Auch unsere älteren WIG-Mitglieder sind vital und lebensfroh. Sie wollen Bestandteil der Gemeinschaft sein und freuen sich auf das Kinderlachen im Hof.” Jeder soll sich am gemeinschaftlichen Leben beteiligen, mit den Stärken, die er hat. Es wird Projektgruppen geben wie beispielsweise Garten- oder Internetgruppe sowie ein Team, das sich rund um das Zusammenleben kümmert.
Noch sind die Mietverträge nicht unterschrieben, mittlerweile aber durchgesprochen. Die zukünftigen Bewohner sind gerade dabei, ihre Häuser zu verkaufen oder zu planen, wann die alte Mietwohnung gekündigt werden muss. Der Einzugstermin hat sich aufgrund der schlechten Witterungsverhältnisse der letzten Wochen ein wenig verzögert. Im Juni oder Juli wird es soweit sein. Manch einer kann es kaum abwarten. Die Vorfreude ist riesig. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie groß”, sagt eine Frau.
0mitdiskutieren