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Abziehbildchen für Erwachsene

03.08.2009 | 20:05 Uhr
Abziehbildchen für Erwachsene

Jedes Exlibris (Bucheignerzeichnis) ist ein kleines Kunstwerk. Die Büsings haben schon mehrere tausend gesammelt.

Anne Büsing musste nicht lange überlegen, was sie ihrem Mann zum 60. Geburtstag schenken würde. Das Exlibris, das sie bei einem Künstler in Auftrag gab, zeigte die großen Leidenschaften ihres Gatten: Ein Skelett samt Skalpell ist darauf zu sehen, schließlich war Volker Büsing bis zu seiner Emeritierung Chirurg am St.-Anna-Hospital. Außerdem eine Bibliothek, denn er liest gern und viel, ein Weinkeller, ein Orchester und natürlich Pferde – für die hat Familie Büsing ein Faible. „Durch ein Exlibris gibt man viel von sich preis”, sagt Büsing.

Anne Büsing aus Wanne sammelt Exlibris und hat ein Buch darüber verfasst. Foto: Winfried Labus, press image

Die beiden Eickeler machen sich keine Illusionen: „Es weiß kaum jemand, was genau ein Exlibris überhaupt ist. Obwohl jeder, der auf dem Gymnasium war, sich das eigentlich herleiten können müsste.” Deshalb für alle, die den Lateinunterricht geschwänzt haben: Exlibris sind Bucheignerzeichen, sie wurden und werden auf die Innenseite des Buchdeckels geklebt, um anzuzeigen, wem das Schriftstück gehört und es so gegen Diebstahl zu schützen. Ein Exlibris ist in den Augen der Sammler jedoch mehr als ein Mittel zur Besitzstandswahrung – die meist detailreich gestalteten Signets seien Kunstwerke. In den Worten Anne Büsings: „Unsere Sammelleidenschaft ist wie ein Virus. Die wird immer weitergegeben.” Das Ehepaar selbst wurde von einem Freund „infifiziert”. Der war Exlibris-Kollektor, schenkte Volker Büsing zum 50. ein eigens in Auftrag gegebenes Exemplar – und weckte so das Interesse an dieser jahrhundertealten Tradition. Der Prof. em. und seine Frau tun seitdem ihr bestes, den (bildungsbürgerlichen) Brauch des Exlibris-Sammelns zu verbreiten: Der einstige Chef aus dem Krankenhaus ist samt Gattin ebenfalls befallen vom Virus, und das Hobby der Tochter bedarf keiner Erwähnung. Kirsten Büsing (39) wohnt mittlerweile in Rostock, zusammen mit ihrer Mutter hat sie sogar ein Buch über beider Passion geschrieben. Es heißt „Alumnen und ihre Exlibris”, ist bei Vieweg und Teubner erschienen und steht ob des Themas nicht im Verdacht, einen oberen Rang in der Bestsellerliste zu erklimmen. „Wir stellen 52 Exlibris ehemaliger Angehöriger der Universität Leipzig vor. Die Uni ist ja vor kurzem 600 Jahre alt geworden, und da meine Tochter dort studiert hat, haben wir zusammen dieses Buch erarbeitet.”

Ein Exlibris, das Anne Büsings Mann von seinem Chef zur Veranschiedung bekam. Foto: Winfried Labus, press image

8000 oder 9000 Stück besäßen sie, schätzt Anne Büsing (67). Auf 5000 ist ein Pferde-Motiv zu sehen. Die Eickeler sind nicht allein mit ihrer Leidenschaft. „Exlibris sind die Abziehbildchen der Erwachsenen.” Die Sammler-Szene kollektiviert, tauscht und fachsimpelt eher im Verborgenen. Etwa 500 Mitglieder zählt die Deutsche Exlibris-Gesellschaft, auch die Büsings gehören dazu. Doch fehlt es an Nachwuchs, der die Hingabe teilt. Sollte die Sammler-Gemeinschaft einmal verkümmern, wäre dies aus ihrer Sicht nicht nur um der Kollektionen willen schade. Büsing spricht vom „Mäzenatentum”: „Dadurch, dass wir Exlibris in Auftrag geben, finanzieren wir natürlich auch die Künstler.” Und die stünden ohne Sammler wie die Büsings vor einer ungewissen Zukunft.

Jonas Erlenkämper

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