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Abrechnung mit den weißen Kügelchen

30.10.2012 | 18:06 Uhr
Abrechnung mit den weißen Kügelchen
Christian Weymayr stellte in der Alten Druckerei sein Buch „Die Homöopathie-Lüge" vor.Foto: Eva Baertz

Herne.   Der Biologe und Wissenschaftsautor Christian Weymayr las in der Alten Druckerei aus „Die Homöopathie-Lüge“

Der Titel lässt über die Stoßrichtung keine Zweifel: „Die Homöopathie-Lüge“ haben Christian Weymayr und seine Co-Autorin Nicole Heißmann ihre Abrechnung mit den weißen Kügelchen und Tropfen genannt, über deren Wirksamkeit sich Anhänger und Gegner streiten, seit Samuel Hahnemann vor 200 Jahren seine Heilmethode entwickelte. In der Alten Druckerei legte der in Herne lebende Biologe und Wissenschaftsautor jetzt seine Kritik an der Homöopathie dar. Seine Thesen blieben nicht unwidersprochen, wurden aber ohne die bei diesem Thema oft zu beobachtende Vehemenz diskutiert.

Mag sein, dass die Alte Druckerei nicht der Ort ist für erbitterte Glaubenskämpfe. Vielleicht lag es aber auch am Autor und seiner fundierten Kenntnis der Materie, dem mit Halbwissen und Erfahrungswerten nicht so leicht beizukommen ist.

Wie irrsinnig seiner Auffassung nach die „Potenzierung“ der Wirkstoffe in den Medikamenten ist, veranschaulichte Weymayr mit Hilfe von Milchzucker und Wasser. „Je verdünnter, desto wirksamer“ war Hahnemanns Credo, der zugleich bestimmte Schüttel-, Reib- und Rührvorschriften zur „Dynamisierung“ mitlieferte - für Weymayr schlicht Unfug: „Naturgesetze sind nicht verhandelbar.“ Mit sanftem Spott zitiert er die Liste der Beschwerden, die nach Hahnemann die Einnahme einfachen Kochsalzes nach sich ziehen kann, vom Schorf am Kopf bis zu Blähungen sind 1349 Symptome erfasst. Was im Umkehrschluss hieße, dass Kochsalz bei all diesen Übeln helfen könnte ...

Den Beweis, dass die Kügelchen mit denen ihnen nachgesagten „geistartigen Heilkräften“ nützen, bleibe die Homöopathie schuldig, so der Autor. Entweder die Studien hielten wissenschaftlichen Maßstäben nicht stand oder sie belegten einen Effekt, der nicht über dem Placeboeffekt liege. Positive persönliche Erfahrungen lässt er nicht gelten: „ein trügerisches gedankliches Konstrukt“, denn es sei nie nachweisbar, dass „zusammen hängt, was zusammen passiert“.

Gefährlich findet Weymayr den „ausufernden Gebrauch“ der Mittel, der dem Körper jegliche Kraft allein zu gesunden abspreche. Sein Tipp: einfach mal abwarten. Eine noch größere Gefahr drohe, wenn Wissen und Glauben sich vermischten. Dann halte die Unwissenschaftlichkeit Einzug in die Medizin, was schon im Nationalsozialismus verheerende Folgen gehabt habe. „Dass die Homöopathie sich so breit gemacht hat und die Wissenschaft zu erodieren beginnt“, sei Motor für das Buch gewesen. „Das finde ich unerträglich.“



Kommentare
30.10.2012
18:18
Abrechnung mit den weißen Kügelchen
von T.Findteisen | #1

Ohne Nationalsozialismus scheint wohl keine überzeugende Argumentation mehr möglich. Ein Trauerspiel.

6 Antworten
Abrechnung mit den weißen Kügelchen
von Tomhier | #1-1

@T.Findeisen...
und seelig sind die geistig Armen.....und verstehen kommt von Verstand....ihre Äußerung lässt vermuten das ihnen solcher fehlt...in diesem Sinne....

Abrechnung mit den weißen Kügelchen
von wl56 | #1-2

Nein, das ist kein Trauerspiel sondern hat einen ganz einfachen Grund:
das gesamte Heilpraktiker-Unwesen und damit auch die flächendeckende Verbreitung der Homöopathie verdanken wir den Nazis, die den Berufsstand ab 1933 massivst gefördert, ihn 1936 als Beruf anerkannt und mit dem noch heute geltenden Heilpraktikergesetz von 1939 legitimiert haben, daß Leute ohne medizinische Ausbildung (der HP Schein ist definitiv keine) an Menschen herumpfuschen dürfen.

Abrechnung mit den weißen Kügelchen
von Lubinn | #1-3

@wi56: Unsinn! Es gibt heute in Deutschland ungefähr 7000 Ärzte mit der Zusatzweiterbildung Homöopathie, die diesen Mist hunderttausendfach verordnen (Privatkassen zahlen ja meist, gesetzliche gelegentlich auch). Sowohl vor als auch nach 1933 waren es vor allem Ärzte, die Homöopathie betrieben. Es gibt eine Reihe von Ländern, in denen Heilpraktiker nicht mal erlaubt sind, wo aber dennoch Millionen medizinisch wirkungsloser weißer Kügelchen und Tröpfchen geschluckt werden - von Ärzten verordnet (s. z.B. Österreich)! Hier einzig die Heilpraktiker zu erwähnen, ist ziemlich billig. Ihr letzter Satz bedeutet übrigens weitergedacht, dass also Menschen m i t medizinischer Ausbildung durchaus (homöopathisch) am Menschen herumpfuschen dürfen.

Abrechnung mit den weißen Kügelchen
von wl56 | #1-4

@Lubinn:
Homöopathie war in den 20er Jahren praktisch tot. Kein ernstzunehmender Arzt hat sie angewendet, weil jedem klar war, daß es Humbug ist.
Vor 1933 durften ausschließlich Ärzte sich im medizinischen Bereich betätigen. Für alle anderen war es strafbar. Deshalb wurde H. wenn überhaupt, dann ausschließlich von Ärzten ausgeübt. Erst die Nazis haben das geändert.
Der Grund für die leider heute um sich greifende Zusatzausbildung Homöopathie dürfte einfach daran liegen, daß man damit eine z.B etwas ausführlichere Anamnese bezahlt bekommt, wenn man sie als homöopathisch deklariert, was man ohne diese nur mit weniger als einem fünftel des Betrages vergütet bekommt.
Bei Medizinern kann man sich wenigstens sicher sein, daß sie ordentliche eine Ausbildung haben, statt wie Heilpfuscher z.T. ihre Ausbildung in einem 6 Wochen Schnellkurs absolviert haben, der hauptsächlich dazu dient, die Prüfung zu bestehen.

Abrechnung mit den weißen Kügelchen
von Lubinn | #1-5

@wi56: Na toll! Wenn mich demnächst jemand erschießen will, frage ich die Person, ob sie denn wenigstens einen Waffenschein vorweisen kann. Ob ich mich dann wohl hinterher weniger tot fühlen würde?
Die Verbreitung der Homöopathie hier und heute allein auf die Politik der Nazis mit ihrer angeblich massiven Förderung des Berusstands der Heilpraktiker zu begründen, kann ich auch weiterhin nicht nachvollziehen. Denn zum einen nahm die Begeisterung der NS-Verantwortlichen für die Homöopathie seit Mitte der dreißiger Jahre deutlich ab, da Studien (sogar doppelblind, wenn ich die Quellen richtig im Kopf habe) katastrophale Ergebnisse für die Homöopathie erbracht hatten. Zum zweiten war das Heilpraktikergesetz ja wohl eher ein Gesetz zur Abschaffung des Heilpraktikerwesens. In der Originalfassung des Gesetzes stand nämlich geschrieben, dass keine Ausbildungsstätten für Heilpraktiker mehr betrieben werden dürfen.

Abrechnung mit den weißen Kügelchen
von Lubinn | #1-6

@wi56: Und wie erklären Sie die weite Verbreitung der Homöopathie in anderen Ländern? In Frankreich z.B., dem größten Markt für homöopathische Mittelchen? Österreich? Italien? Niederlande? Indien!? Dass Homöopathie Scharlatanerie ist, bezweifle ich nicht. Nazi-Politik als Erklärung für ihre Verbreitung finde ich allerdings etwas dürftig.

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