Abgesang auf einer Herner Kultkneipe

Das letzte Konzert in der „Sonne“: Willi Thomczyk (r.) und „die Fertigen“ griffen Samstag in die Saiten. FUNKE Foto Services
Das letzte Konzert in der „Sonne“: Willi Thomczyk (r.) und „die Fertigen“ griffen Samstag in die Saiten. FUNKE Foto Services
Foto: Michael Korte
Was wir bereits wissen
Willi Thomczyk und „die Fertigen“ zelebrierten am Samstag das letzte Konzert in der Herner Kultkneipe „Sonne“. Viele alte Stammgäste feierten mit.

Herne..  Draußen war die Sonne schon lange untergegangen, als sich am Samstag zum letzten Mal die Türen der Herner Szenekneipe „Sonne“ öffneten. Willi Thomczyk hatte mit seiner Band „die Fertigen“ zu einem „Abgesang auf eine Kneipe“ geladen. Viele kamen, man kannte sich, von früher, aus alten Sonnentagen.

Graffiti gegen AKW

Die Kneipenräume sind geprägt von der Zeit. Da gibt es Graffiti gegen AKW, welkes Laub rankt als Dekoration von der Decke. Alte Plakate werben für Guiness. Das berühmte Logo der Sonne strahlt immer noch.

„Setzt euch endlich, wir wollen anfangen“: Schon mit der Begrüßung hat Willi Thomczyk sein Publikum im Griff. Er beginnt alleine, am Klavier spielend. Ein Klavier, das schon viele Auftritte in der Sonne erlebt hat. Ein Klavier, dem man das Alter ansieht. Und man hört es. Auch an Willi Thomczyk ist das Alter nicht vorbeigegangen, wenn er selbstironisch feststellt: „Man wird alt, braucht ´ne Brille und Licht. Und auch die Texte muss man schon ablesen“. Dann greift er in die Saiten. Seine Musik ist eine Mischung aus Folk und Liedermacher der 1970er, mal klingt es nach Ballade oder Chanson, dann geht aber auch die Post ab. Unterstützt wird Thomczyk von Dieter Stein, der mit seinem Bass ein solides Fundament für die Musik legt. Norbert Müller an der Gitarre, gibt mit seinen abwechslungsreichen Gegenrhythmen und meisterhaften virtuosen Soli der Musik die notwendige Spannung.

Hommage an John Lennon

Willi Thomczyk selbst klingt mal sanft, zärtlich bis melancholisch, dann aber auch mal rau und aggressiv. Er präsentiert seine Lieder in Deutsch und Englisch, meist sind es Eigenkompositionen. Eine Hommage an John Lennon mit seinem „Working Class Hero“ ist auch dabei. Zwischen den Liedern gibt es kleine Geschichten aus den alten Tagen der Sonne, über komische Frikadellen und Lesungen. Oft werden sie aus dem Publikum kommentiert. Man kennt sich.

Ralf Piorr als Comedian

Nach dem Auftritt „der Fertigen“ ist noch lange nicht Schluss. Das Podium wird zur offenen Bühne. Der Herner Historiker Ralf Piorr brilliert im 70er Jahre Trikot von Westfalia Herne als Comedian. Als abgehalfterter Alt-Spieler und Trainer sinniert über bessere Herner Fussballzeiten, steuerhinterziehende Sponsoren und Erlebnisse in der Sonne. Sein Auftritt endet mit einem Tanz zur Fußballhymne „You never walk alone“. Tom, dem die 1970er noch in den Klamotten stecken, improvisiert mal eben an der Gitarre ein Lied über die alten Tage und die Besetzung der Sonne. Nadja könnte - vom Alter - sein Enkelkind sein. Sie hat extra für den Abend ein Lied komponiert, in dem sie der Schließung der Sonne nachtrauert.

Nach gut drei Stunden Programm ist Schluss. Den Abend noch im Ohr, muss man sich beim Verlassen der Kneipe erst einmal durch eine Menge an Rauchern kämpfen, die draußen ihrer Lust frönt. Das hätte es früher wirklich nicht gegeben.

Mit dem Konzert am Samstag endete die Ära einer Institution in Herne.


1977 eröffnet, war die „Sonne“ auch nach zwei Umzügen noch eine Mischung aus Kneipe, Treffpunkt, Veranstaltungsort und Podium für politische Aktivitäten.


„Hotte“ Jebram, seit den Anfängen mit dabei, hört auf. Doch die Idee der „Sonne“ lebt weiter.


Mitglieder des Kneipenteams suchen nach neuen Räumen, damit das Konzept weiter lebt.


Oder, wie Willi Thomczyk das Publikum verabschiedete: „Ein Sonnenuntergang hat auch etwas Gutes - den Sonnenaufgang.“