84 Jahre und kein bisschen leise
02.04.2010 | 17:58 Uhr 2010-04-02T17:58:00+0200
Wanne-Eickel. Wann beginnt eigentlich die Blüte des Lebens? Mit 66, wie Udo Jürgens meint? Oder noch später? Wanne-Eickel ist seit Donnerstag 84 Jahre alt, und Abwanderung hin, mitunter triste Stadtteilzentren her: Es scheint so, als dass die einst selbstständige Stadt ihrem zweiten Frühling entgegenstrebt.
Immer mehr Menschen bekennen sich zu ihrer Heimat, immer mehr „Marken“ stehen für Wanne-Eickel: Mondpalast, Kammerspielchen, „schärfste Currywurst“, Kirmes sowieso. Inzwischen gibt es - mindestens - drei Fanshops zwischen Unser Fritz und Holsterhausen, die im Kult eine Geschäftsidee erkannt haben.
Nun feierten sie: Musiker Horst Schröder, Heimatforscher Heinrich Lührig und Gastronom Wolfgang Gleba hatten eine große Geburtstagsparty im Pluto organisiert. Und alle waren gekommen - Politiker natürlich, Theatermann Willi Thomczyk, Sänger Frank Lindner, einige Schauspieler der 80er-Jahre-ZDF-Serie „Hans im Glück aus Herne 2“, Prinzipal Christian Stratmann und vor allem viele Bürger. Die meisten, doch nicht alle kamen aus dieser Stadt. Schröder und Lührig hatten einige Tage zuvor beim Lokalsender Center TV kräftig Werbung für Wanne-Eickel und die Party gemacht, auch die WDR-Lokalzeit hatte kurz berichtet. So kam es, dass auch ein paar Besucher aus den Nachbarstädten nach Bickern gekommen waren.
84 Jahre und kein bisschen leise. Wobei... eigentlich doch. Wegen des Karfreitags waren dem Bühnenprogramm enge zeitliche Grenzen gesetzt. Um Punkt Mitternacht war’s mit der Musik vorbei. „Sonst hätten wir ruck-zuck das Ordnungsamt da gehabt“, sagte Schröder. „Graf Hotte“ ist nicht nur überzeugter Wanner, sondern auch immer für ein Bonmot zu haben. Etwa, in Anspielung auf die Burg neben dem Museum, für dieses: „In Wanne-Eickel findest Du den Mond. In Herne mittlerweile die Motten.“
Initiator des Kults waren bekanntlich Friedel Hensch und die Cypris, die 1962 den „Mond von Wanne-Eickel“ besangen. „Zuerst fühlten sich die Menschen verulkt. Es hat gedauert, bis sie erkannten, dass ihnen das Lied nützt“, sagt Lührig. Annähernd 50 Jahre später ist der Erdtrabant ein Markenzeichen, Theatermacher, Schnaps-Brenner und Tourismus-Experten setzen gleichermaßen auf den Mond. Ausgang offen: „Ich weiß nicht, wo dieser Hype noch hinführt“, so Lührig. „Aber dieses Wir-sind-Wir-Gefühl nimmt immer deutlichere Formen an.“
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