Zwölftakter im Innenhof

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Dinslaken..  Wenn im Innenhof des Walzwerks die Zwölftakter in schwerem Rhythmus knattern und heulen, hat dies nichts mit besonders PS-starken Motoren zu tun. Im Gegenteil, es geht um Handgemachtes schlechthin. Ein oder zwei E-Gitarren, ein Bass, ein Schlagzeug und raue, kraftvolle Stimmen, viel Gefühl und darunter eine Schwermut, die erdet und zugleich alles trägt. Das Walzwerk hatte wieder den Blues. Und dem gibt die 12-Takt-Form Halt wie die Stahlträger der alten Industriekulisse. Zum dritten Mal versammelte sich am Freitag Dinslakens Szene zum Blues N Jazz Meeting an der Thyssenstraße. Als Gäste standen Richie Arndt & The Bluenatics und Meena Cryle & The Chris Fillmore Band auf der Bühne.

Für die dritte Auflage des Festivals hat sich hinter den Kulissen einiges geändert. Im Februar wurde der Walzwerk Musik Kultur Verein gegründet, derzeit sind zwölf Mitglieder aktiv. Es ist die Szene für die Szene, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, im Innenhof qualitativ hochstehende Musik abseits des Mainstreams zu bieten. „Wir sind alles Musiker“, erklärt Kurt Tappert, „der Verein setzt sich aus Mitgliedern der NBB Bluesband, der Zelle Band und den Carringtons zusammen“. Zur Dinslakener „Keim“-Zelle gehört natürlich Kuka- und Walzwerk-Chef Thomas Grosse.

Gitarrist Ernie, der in den letzten beiden Jahren das Line-up der Innenhof-Festivals aussuchte, ist dem Verein nicht beigetreten. „Er spielt in fünf Bands – da bleibt keine Zeit mehr“, so Tappert hinter den Kulissen im Probenraum der Zelle Band.

Songs über Züge

Aber was ist das für ein Probenraum: Es ist mehr eine kleine Privatkneipe, vollgestopft mit alten Musikinstrumenten und einer mit Konzertplakaten tapezierten Decke. Eines dieser alten Poster kündigt Herman Brood im Jägerhof an. Und draußen auf der Bühne beginnen The Carringtons ihre Show. „Was haben wir nicht alles mit Herman Brood erlebt“, ruft Thomas „Rutte“ Ruttkowski den Fans im Innenhof zu. Der Niederländer war schon zu Lebzeiten nicht nur für seine Musik, sondern auch für die anderen Leidenschaften und Süchte des Rock ‘n’ Roll legendär. Der Titel „Rock ‘n’ Roll Junkie“ ist Programm. Und gehört zu den Songs, die ihren Schöpfer, dem übrigens die Stadt Zwolle ein ehernes Denkmal gesetzt hat, auf dem Sockel des Rock-Ruhms gehievt hat. Das Set der Carringtons ist eine Hommage an Herman Brood, gespickt mit weiteren Klassikern der Rockgeschichte.

Richie Arndt ist Rory Galagher-Fan und findet im Publikum Gleichgesinnte, auch wenn diese keine karierten Hemden als Erkennungszeichen tragen. Aber der Gewinner des diesjährigen German Blues Award kann auch eigenes. Ein halbes Dutzend Alben in 20 Jahren gehen auf sein Konto. Und es läuft wie geschmiert, um bei einem Bild zu bleiben, das er selbst immer wieder beschwört: Richie Arndt schreibt gerne Songs über Züge. Und sein treibender, knirschender Bluesrock lässt die Assoziation mit dem Rhythmus alter Dampfloks gerne zu.

Blues, Rock, Balladen und Power-Play: Meena Cryle & The Chris Fillmore Band haben in ihrem Set einige Überraschungen parat. Und dazu gehört auch das breite Österreichisch, mit dem die Sängerin das Publikum begrüßt. Produziert hat die Band übrigens ihr letztes Album in Memphis. Und dass sie live versteht, ein Publikum aus der Reserve zu locken, beweisen Meena Cryle und ihre Männer auch noch zur späten Stunde, in der die kühlen Temperaturen vom heißem Blues im Walzwerk ausgeglichen werden.