Zwischen Bergen und Bruch

Das Team im „Reisebüro“ an der Neustraße.
Das Team im „Reisebüro“ an der Neustraße.
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Was wir bereits wissen
Urbane Künste Ruhr haben künstlerische Touren durch den Kreis konzipiert. Reisezentrum an der Neustraße in Dinslaken

Dinslaken..  Zwischen Linksrheinern und Rechtsrheinern im Kreis Wesel liegt nicht nur der Rhein: dazwischen liegen Welten. Und dann gibt es noch den unteren, ans Ruhrgebiet grenzenden Zipfel des Kreises - und den landwirtschaftlich geprägteren oben Zipfel. „Geburtsfehler“ nenne man mitunter dieses heterogene Konstrukt, das bei der Gebietsreform vor 40 Jahren zusammengefügt wurde, so Thomas Pieperhoff (Referent Stadt Dinslaken). Gerade diese „gespaltene Identität, diese Brüche“ machen den Kreis laut Katja Aßmann so spannend. Und brachten ihm so ein Kunstprojekt der Urbanen Künste Ruhr ein, dessen künstlerische Leiterin Katja Aßmann ist: „Reisen im Kreis. Mit Künstlern unterwegs in parallelen Welten“. Das „Reisezentrum“ liegt in der ehemaligen Boutique „Miss Sugar“ an der Neustraße und ist mehr als nur das: Es ist selbst Kunst.

Urbane Künste Ruhr ist die junge Kunstorganisation der Kulturmetropole Ruhr. Kurator Kay von Keitz und sieben Künstler haben sechs verschiedene künstlerisch gestaltete Tagestouren konzipiert, die die Teilnehmer an 18 Terminen zwischen dem 15. Juni und 16. August erkunden können - kostenlos. Sie entdecken - mit Bus, Rad, Schiff oder zu Fuß - unbekannte Orte, bekannte Orte neu, begegnen Menschen, Geschichte und Geschichten und gewinnen einen anderen Blick auf Fremdes und Vertrautes - oder sind Ihnen schon einmal die gewaltigen Berge im Kreis Wesel aufgefallen?

Der Künstlerin Evamaria Schaller fielen sie bei ihrer ersten Tour durch den Kreis gleich ins Auge. Kein Wunder, die Frau ist Österreicherin und als sie das Ortsschild Alpen sah, ging ihr das Herz auf. Und mehr als das: Beim Blick auf die Karte des Kreises fiel ihr auf, dass das „eine bergreiche Region“ ist. 70 Namen, die mit Gipfeln zu tun haben! Und so hat sie sich „Die erste österreichische Weseler Bergtour“ ausgedacht, die keine Kaffeefahrt wird, sondern: Die Bergführerin stellt ihrer Seilschaft Aufgaben. Am Ende winkt die „Bergführer-Nadel des Kreises Wesel.“

Sämtliche Touren starten und enden am Reisezentrum (Neustraße 54) - das die Künstlerin Nicola Schudy als eigenständige künstlerische Arbeit gestaltet. Für ihre meist raumgreifenden Installationen untersucht sie die Räume genau und leitet daraus skulpturale Eingriffe ab. Aus dem verlassenen Laden kreiert sie eine Art nutzbares Bühnenbild, bei dem sie eine Reihe Elemente miteinander verknüpft. Eine zentrale Rolle spiele dabei die „schrecklichen“, wie sie sagt Spanplatten, die die Wände verkleiden. Sie zerlegt das System, fügt neue Elemente ein - durch die Fensterfront kann man bereits erste Eingriffe erkennen.

Durch Dinslaken und Umgebung

Gleich mehrere Touren haben Dinslaken und Umgebung als Mittelpunkt. Lutz Fritsch etwa, in Köln lebender Bildhauer, beschäftigt sich in seiner Tour mit der Trabrennbahn. „Was kann man aus der Trabrennbahn noch alles machen?“ hat er sich gefragt. Eine Frage, die der Baudezernent sicher spielend beantworten könnte, käme da nicht die Folgefrage: „Wie kann man die Trabrennbahn als identitätsstiftenden Teil der Stadt bis weit in die Zukunft hinein erhalten?“

Unter dem Titel „Lass uns eine Runde drehen“ arbeiten sich die Teilnehmer der Tour in konzentrischen Kreisen auf der Bahn von außen nach innen, treffen dabei kompetente Gesprächspartner und entwickeln Visionen für die Anlage: „sinnvolle neue Nutzungen, die zugleich den Erhalt des Bisherigen sichern“. Die entstandenen Phantasien werden in Skizzenbüchern festgehalten, archiviert - und sehen anschließend „für eine produktive Verwendung zur Verfügung.“

„Warum sieht eine Stadt so aus, wie sie aussieht?“ Diese Frage stellt sich die Berliner Künstlerin Daniele Brahm und unternimmt mit den Teilnehmern unter dem Titel „Die Tour als Skulptur. Satteldach City Dinslaken“ eine sechsstündige Radtour, steuert Wohnsiedlungen der 50er und 60er an, Kirchen, Schulen Jugendzentren, betrachtet die Architekturen im Hinblick auf ihre ursprünglichen, funktionalen, gestalterischen und gesellschaftlichen Ideen. Dinslaken, so die Künstlerin, ist eine „zugleich typische und doch sehr eigene westdeutsche Stadt dieser Größe.“

„Grenzgebiete“, so der Titel der Tour, erkundet Uschi Huber, in Köln lebende aus Oberbayern stammende Künstlerin. Das sind Grundstücksgrenzen ebenso wie Gemeinde- und Gebietsgrenzen, Grenzen zwischen ober- und unterirdischem Terrain, zwischen Hell und Dunkel. Die Tour führt zu Fuß und mit dem Fahrrad rund um Dinslaken - bis hin zur Kreisgrenze, die mitten im Rhein liegt.

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Das Reisezentrum an der Neustraße 54 ist ab Montag, 15. Juni, täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Die Teilnahme an den Touren ist kostenlos, die Plätze sind aber begrenzt, daher ist eine Anmeldung erforderlich.


Die Touren: „Die Tour als Skulptur: Satteldach City Dinslaken“ (Daniela Brahm), 20. und 21. Juni, 19. Juli, 12-18 Uhr, mit dem Fahrrad.

„Grenzgebiete“ (Uschi Huber), 27. Juni, 4. und 11. Juli, 10-18 Uhr, mit dem Fahrrad.

„Lass uns eine Runde drehen“ (Lutz Fritsch), 28. Juni, 5. und 12. Juli, 14-19 Uhr, zu Fuß.

„Past/Present/Futur - Researching Simultanität II“ (Christian Odzuck), 18. Juli, 15. und 16. August, mit Bus und Schiff.

„Die erste österreichische Weseler Bergtour“ (Evamaria Schaller), 25. und 26. Juli, 16. August, mit Bus und zu Fuß.

„Expedition durch Xanten – mit Fellinis Satyricon und den Batavern“ (Hans Hs Winkler), 2., 8. und 9. August, 14 -19 Uhr, mit dem Bus und zu Fuß.

Weitere Informationen und Anmeldung im Reisezentrum und unter 0209/60507301 (mo.-fr., 10-17 Uhr), info@urbanekuensteruhr.de und www.urbanekuensteruhr.de.