„Willkommen, Fremder“

Dinslaken..  Die Welt da draußen: Die Bilder des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz vor 70 Jahren stehen vor Augen. Die Sprüche der wechselnden Pegida-Sprecher klingeln in den Ohren. Aber nicht jetzt. Abschalten, ein paar unterhaltsame Stunden in der Musicalwelt erleben. „Willkommen, bienvenue“, singt der Kahlkopf (Tom Zahner) zackig in Deutsch, Englisch und Französisch auf der Bühne der Kathrin-Türks-Halle vor der großen Liveband der Kölner Symphoniker unter der Leitung von Sung-Joon Kwon, „lassen Sie Ihre Sorgen draußen“. Es klingt wie ein Befehl.

Am Mittwoch zeigte die Kammeroper Köln im Rahmen des städtischen Kulturprogramms „Cabaret“. Eine Inszenierung mit viel Kulisse und Kostümen, mit Darstellern, die gut singen, tanzen und sympathisch auf der Bühne herüberkommen. Letztes Jahr gab es ebenfalls von der Kammeroper eine wundervolle, leichte „My Fair Lady“. Und auch das hitverwöhnte „Cabaret“ ist ansprechend, teils sehr konventionell inszeniert. Vielleicht liegt aber auch gerade darin die Stärke: Das Grauen von 1933 dringt versteckt in die Bilder ein.

Der Amerikaner Clifford Brad-shaw (Tim Al-Windawe) auf der Suche nach einem Romanstoff und auf der Suche nach sich selbst, entdeckt ein Berlin voller Toleranz und Weltoffenheit. Verkörpert wird diese Stadt für ihn von der Nachtclubsängerin Sally Bowles. Diese erobert ihn im Sturm, zieht in sein kleines Zimmer ein, wird schwanger, träumt ihr „Maybe this time“. Aber Bradshaw sitzt einer Illusion auf. Sally ist der Scheinwelt verfallen, wiegt sich in deren Sicherheit, „auch wenn die Welt in Stücke fällt“. Maria Mucha spielt die Bindungsunfähige wie politisch Uninteressierte nicht als kulleräugige Naive, sondern als eine Frau, die Chancen und Versagen durchaus zu berechnen weiß.

Braune Hemden, Netzstrumpfhosen

Sally ähnelt in dieser Beziehung Bradshaws Vermieterin Frl. Schneider (Angela Krüll). Eine eigentlich reizende ältere Dame, die im Obsthändler Schulz (herzerwärmend und damit herzzerreißend Franz-Jürgen Zigelski) ihr Glück gefunden hätte. Aber Schulz ist Jude, das wird zum Trennungsgrund. Dabei ist er doch Deutscher, glaubt, als Deutscher die Deutschen zu verstehen. Diese Nazis mit ihrem verlogen-kitschigen Volkslied sollen den Ton angeben?

Aber die offene Gesellschaft ist nur Flitter im Cabaret. Bald tanzen die leichten Mädchen und süßen Jungs in braunen Hemden und Netzstrumpfhosen. Und ganz zum Schluss singt der Conférencier (Tom Zahner) erneut das „Willkommen, Fremder“. In KZ-Kleidung, man denke an die vielen jüdischen Künstler Berlins in der Zeit.

Zunächst noch unter dem Eindruck der Bilder etwas gelähmter, dann immer kräftiger werdender Applaus für einen Abend, der die Sorgen eben nicht vergessen ließ.