Wenn Magersucht die Familie verzehrt

Dinslaken..  Ein Kinderspiel? Lou (Lara Christine Schmidt) bewegt das Karussell, eine einfache Scheibe, indem sie selbst bis zur Erschöpfung im Kreis rennt, während ihre Schwester Maya (stark: Monika Sobetzko) traurig und in sich gekehrt auf der Mitte der Plattform verharrt. Das Bild wurde zur Schlüsselszene der Uraufführung von Esther Beckers „Supertrumpf“ am Freitag in der Remise der Burghofbühne im Tenterhof. Seit die magersüchtige Maya aus der Klinik in die Familie zurückgekehrt ist, dreht sich alles nur noch um sie. Die neunjährige Lou fühlt sich überfordert, kompensiert dies allerdings durch Aktivität. Sie versucht, die Lage in den Griff zu bekommen, erschöpft sich durch den Drang, die Schwester von allen Seiten zu kontrollieren, um deren Rückfall zu vermeiden.

Erst wenn das Gleichgewicht der Kräfte wieder in die Waage kommt, weil Maya selbst wieder aktiv wird, und Lou erkennt, dass dies zuzulassen richtiger ist, als sich selbst in besorgtem Aktionismus zu verzehren, kann ein heiteres Happy-End Hoffnung machen, dass die selbsternannte „Weltmeisterin in den Karten und im Warten“ wieder unbeschwert ihrem Lieblingsspiel nachgehen kann: „Supertrumpf“. Das Spiel um die Auto-Quartettkarten mit den höchsten PS-Zahlen gab dem Siegerstück des Kathrin-Türks-Preises 2014 den Titel.

Vor einem Jahr erhielt Esther Becker den von der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe ausgelobten Jugendtheaterpreis für Autorinnen. Eine Auszeichnung, die in dieser Form in Deutschland einmalig sei, bemerkte Bürgermeister Dr. Michael Heidinger bei seiner Ansprache vor der Premiere am Freitag. Er bat die Autorin, die gemeinsam mit ihren Eltern der Uraufführung ihres Stückes beiwohnte, in ihrer weiteren Karriere „über Dinslaken zu reden“. Das Stück selbst hat Thorsten Weckherlin in alter Verbundenheit auf den Spielplan 2015/16 seiner neuen Wirkungsstätte, dem Landestheater Tübingen gesetzt. Vorher sendet der Deutschlandfunk eine Hörspielfassung.

Starke Bilder

Gerade letzteres ist naheliegend. Burghofbühnenintendant Mirko Schombert und „Supertrumpf“-Regisseurin Nadja Blank wurden nicht müde zu schwärmen, dass sie mit dem „super“ Stück einen „Trumpf“ in Händen hielten. Aber die literarische Stärke des Textes, sein starker sprachlicher Rhythmus, schafft auf der Bühne auch eine gewisse artifizielle Distanz: Die Geschichte wird von Lou in der Vergangenheitsform erzählt, inklusive aller Handlungs- und Regieanweisungen. Das Stück wird somit zu einer szenischen Aufführung eines Textes mit verteilten Rollen mehr als unmittelbares Theater im Hier und Jetzt.

Nadja Blank gelingt es, dem Klang der Worte starke Bilder entgegen zu setzen. Wenn die Erbsen, die die Schwester zählt, auf der Kletterwand zu Rechenkugeln an einem Abakus werden. Wenn die Schauspielerin und Tänzerin Manuela Stüßer jene Märchen von den „Klappergestellen“ erzählt, mit denen Lou die Berichte aus der Klinik kompensiert. Mit ihren tänzerischen Bewegungen kreiert Stüßer Traumräume auf der Bühne, mit ihrer Stimme und ihrem mimischen Ausdruck schafft sie eine Atmosphäre der Gefährlichkeit: Märchen und Horrorgeschichten sind so eng verwandt wie Lou und Maya selbst. Auch daraus muss sich Lou, die völlig aus dem Blickfeld ihrer überforderten Eltern (Benedikt Thönes und Manuela Stüßer) zu verschwinden scheint, befreien.

Das Happy End stellt sich erst ein, wenn sie selbst ihre Sorgen und Zweifel, die durch den Vertrauensverlust gegenüber ihrer Schwester genährt sind, überwinden kann. Minutenlanger Applaus für das Ensemble und die Autorin.