Wenn der König der Autobahnen warten muss

Auf- und Abladen gehört dazu. Doch nicht immer geht es so schnell, wie es sich Lkw-Fahrer Witali Wiens wünscht.
Auf- und Abladen gehört dazu. Doch nicht immer geht es so schnell, wie es sich Lkw-Fahrer Witali Wiens wünscht.
Was wir bereits wissen
Serie Früh(e) Schicht: Der Arbeitstag von LKW-Fahrer Witali Wiens kann lang werden. Häufig verbringt er seine Zeit mit Warten: vor Produktionshallen oder im Stau. Für diesen Job braucht er Nerven aus Stahl

Voerde..  Witali hat mich so weit. Um gerade mal halb drei am Mittag in Köln. Ich dachte, ich würde länger durchhalten. „Bist du müde?“ Ich konnte nur mit einem Ja antworten. In meinem Leben bin ich es nicht gewohnt, Ruhe zu bewahren und stets optimistisch zu sein. Bei Witali ist das anders. Er ist seit 13 Jahren LKW-Fahrer bei der Spedition Schneider aus Friedrichsfeld, er hat jeden Stau, jedes Warten vor irgendwelchen Hallentoren schon einmal durchgestanden. Weil das so ist, konnte mich der 36-Jährige auf der zweistündigen Rückfahrt von Köln nach Voerde herrlich unterhalten. Obwohl er wie ich zehn Stunden auf den Beinen war und im Gegensatz zu mir die letzten drei Wochentage dasselbe Pensum abgerissen hatte.

Kurz vor unserer Abfahrt auf der A 57 eröffnete mir der Weseler: „Ich habe auch mal nur sechs Stunden gearbeitet. Aber das passierte erst zweimal.“ Vielleicht hätte er das früher sagen müssen, vielleicht war’s auch besser so. Dass wir in den zehneinhalb Stunden nur 238 Kilometer zurücklegten, überraschte sogar Witali Wiens. Selbstverständlich nicht so sehr wie mich, seinen Beifahrer für einen Tag, der davon ausging, hoch oben sitzend, die Autobahnen zu überfliegen.

Geduld ist wichtig

Wer als LKW-Fahrer bei einer Spedition arbeitet, muss nicht nur früh aufstehen. Er braucht eine große Packung Geduld. Weil die Ware nicht von allein auf den Auflieger wandert. Weil der Fahrer das selbst koordinieren muss. Vor zehn Jahren sei das mal anders gewesen, aber da sei vieles durcheinander gegangen. Jetzt kann der Fahrer selbst sortieren, auch wenn in der Lagerhalle im neuen Voerder Gewerbegebiet Kranfahrer mithelfen und per Fernbedienung endlose Reihen Stahlrohre abgrasen, um die richtigen zu finden. In die Lagerhalle rein, aufladen, dann eine weiter – das ganze nochmal. Das dauert mal gerne zweieinhalb Stunden. Die Kollegen rufen: „Witali, warum seid ihr so langsam? Ihr seid doch zu zweit!“ Womöglich weil manche Rohre 375 Kilo wiegen. Auch zu zweit würden das nicht hochkriegen.

Häufig kommt es zu Verzögerungen

Wir fahren über die Autobahn. Mit siebzig Sachen gen Essen. Bald habe ich mich an die Geschwindigkeit gewöhnt, der Ausblick und der Komfort in der gefederten Kabine über dem 400-PS-Diesel-Motor machen es leichter. Um 9.20 Uhr ist Schluss mit der Freiheit auf acht Achsen. Wir müssen zu den zweineinhalb Tonnen nochmal dasselbe aufladen, allerdings wird bei unserer Ankunft ein anderer Truck beladen. Und das dauert. Eineinhalb Stunden. Witali und mir bleibt nur, die Frühlingssonne und das Wachstum der Topfblumen zu genießen. „Die müssen schon bald verwelkt sein, solange stehen wir hier.“ Fahrer haben ihre eigene Art mit Verzögerungen umzugehen.

In Essen kontrolliert ein Fachmann die Ladung, vorher geht’s nicht raus. „Alle drei bis vier Monate wird man von der Polizei gefilzt“, sagt der Deutsch-Russe, der im weitläufigen, verkehrsarmen Kasachstan aufwuchs. Vor Jahren kassierte Wiens mal eine Anzeige. Man sagt: „Wenn du keine Anzeige bekommen hast, war der Polizist schlecht ausgebildet.“ Irgendwas sei immer.

Zur Belohnung für den zwei-Stunden-Aufenthalt im Ruhrpott-Nirvana schenkt mir Witali ein hart gekochtes Ei. Das baut mich auf. Als Witali eine Stunde später den Truck mit grenzenloser Gelassenheit durch die vielbefahrenen Straßen von Köln lenkt, brauche ich gute Nerven. Die Menschen sehen so klein aus in Anbetracht unseres sieben Tonnen-Kraftpakets, und die Straßen zu schmal, zu eckig. Findet Witali nicht, und schwenkt in eine Nadelöhr-Parklücke auf dem Betriebshof von Thyssen-Krupp Schulte. Mein Puls jagt zum dritten Mal in die Höhe, Witali grinst nur: „Ach, ich bin tatsächlich drin.“ Ein Mann mit Nerven aus Stahl.

Er zuckt mit den Schultern

Der Kunde krakelt in den Hörer, als Witali Wiens ihm einen Moment später vom Bordtelefon aus zu verstehen gibt, dass ein Rohr nicht mitgeliefert wurde. Der Mann klingt wütend, legt auf. Wiens zuckt mit den Schultern: „Ich kann nichts dafür“ und wartet in aller Seelen Ruhe darauf, dass es in der Lagerhalle weitergeht, damit wir die Ware abladen können. Und Feierabend machen können?

Natürlich nicht, wir müssen noch zurück. Am Vortag hat Witali Wiens von sechs Uhr an zwölf Stunden gearbeitet. Das kommt vor. Fünf Tage die Woche liefern mindestens vier Spezialisten der Spedition Schneider in ganz Deutschland ihre unterschiedlichste Rohre aus. Die Wege führen nach Hamburg, nach Siegen, nach München, machen in der Woche insgesamt 1500 Kilometer aus. Immer unter Zeitdruck, immer unvorhersehbaren Verzögerungen ausgesetzt. Witali Wiens arbeitet gern bei der Spedition: „Hauptsache, man fühlt sich wohl.“

Nachwuchs ist derzeit nicht in Sicht. „Als ich angefangen habe, war ich sieben Jahren lang der jüngste Fahrer. Die Fahrer werden älter und älter.“ Mit einem Lachen sagt Wiens: „Ich schaff nicht alles.“ Aber fünf Tage die Woche gibt er sein Bestes.