Weihnachten an St. Martin

Dinslaken..  Schwere, entbehrungsreiche Jahre, die Stadt zerstört, der Wiederaufbau schritt nur langsam voran. Manfred Jupe, vor allem aber seine Eltern, hatte es noch schwerer getroffen. 1941 unweit von Neiße im damaligen Schlesien geboren, begaben sich seine Eltern mit dem kleinen Sohn auf den großen Flüchtlingstreck von Ost nach West und gelangten 1946 schließlich nach Dinslaken. Ein Jahr später wurde der Knirps bereits „in der Overbergschule, der heutigen Ernst-Barlach-Gesamtschule an der Goethestraße, eingeschult, und als Schüler nahm ich an dem wohl ersten St. Martinszug nach dem 2. Weltkrieg teil – im November 1947“, erinnert sich der frühere NRZ-Mitarbeiter.

„Der Zug bewegte sich von der Overbergschule in Richtung des heutigen Stadtparks, dort wollten wir uns mit den Schülern der damaligen Pestalozzischule (heute Gartenschule) treffen, um anschließend gemeinsam den Neutorplatz zu erreichen, wo ein großes Feuer auf uns wartete.“ Der Zug musste an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Neustraße vorbei - beziehungsweise an den Trümmern, die dort noch lagen. „Dieser Anblick lässt mich bis zum heutigen Tag nicht los. Meinen Schulkameraden wird es nicht anders ergangen sein“, sagt Jupe, „doch trotz allem, der Abend nahm für uns Kinder eine überaus erfreuliche Wende – angekommen auf dem Neutorplatz, bekam jeder Schüler einen Stutenkerl mit Pfeife in die Hand gedrückt.“ Später erfuhren sie, dass der damalige Schulrat Dölken der Initiator dieser Aktion war. „Es fällt mir heute sehr schwer, meinen Enkeln den Wert eines im Jahr 1947 geschenkten Stutenkerls näherzubringen, ohne bei den Kindern ein mildes Lächeln hervorzurufen, was mehr oder weniger besagt – na ja, der Opa mit seinen alten Geschichten. Ich weiß nicht, für uns Kinder war an diesem Abend der St. Martinsabend zu Weihnachten geworden.“ Einen Stutenkerl mit Pfeife zu einer Zeit zu bekommen, in der die Lebensmittel knapp und rationiert waren – da scheinen wirklich Weihnachten, St. Martin und Ostern zusammengefallen zu sein.