Von klugen Töchtern, munteren Müttern und dem Land, das verschwand

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Was wir bereits wissen
Am Mittwoch las und erzählte Wladimir Kaminer im Rahmen des Fantastival im Burginnenhof. Sogar die Sonne lachte an diesem ersten nicht mehr nasskalten Abend der Festivalwoche mit.

Dinslaken..  In Berlin war gestern Abend Abi-Ball. Wladimir Kaminer war da, weil seine Tochter dort etwas zu feiern hatte: Ein Notendurchschnitt von 1,8. Da ist der Vater doch etwas stolz. Nicole selbst scheint sich ihrer Leistungen auch durchaus bewusst zu sein. Wenigstens lässt sie wohl keine Zweifel daran, was ihre gymnasialen Englisch-Kenntnisse von denen ihrer Grußmutter unterscheidet: das Wissen, was Englisch sei.

Wladimir Kaminer hat Familie. Eine Frau, zwei Kinder von 18 und 16 Jahren, eine 83-jährige Mutter, weitere Verwandtschaft in Russland. Und er hat ein begnadetes Talent zu schreiben. Und dies am liebsten über die Familie. Damit ist es klar, was diese wiederum nicht hat: Privatsphäre. Dafür haben Kaminers Leser und Besucher seiner Leseabende umso mehr Vergnügen, wenn der gebürtige Moskowiter aus Berlin von Sebastians Lateinallergie, Nicoles abstruse Geschichten über das Nachwachsen abgefrorener sibirischer Finger im Frühling oder die Abneigung seiner Mutter gegenüber Treppen berichtet. Am Mittwoch las und erzählte er im Rahmen des Fantastival im Burginnenhof. Sogar die Sonne lachte an diesem ersten nicht mehr nasskalten Abend der Festivalwoche mit.

„Coole Eltern leben länger“ heißt das Buch, dass den roten Faden durch das Programm bildete. Ein roter Faden, drei Kapitel daraus, mehr nicht. Wladimir Kaminer schweift gerne ab, er kommt von Hölsken auf Stöcksken, würde man am Niederrhein sagen. Und immer wieder kommt er auf eines seiner Lieblingsthemen zurück. „Die geflohene Heimat“, wie er sie an einer Stelle nennt, die alte Sowjetunion, die er in anderem Zusammenhang mit einer Schule kurz vor Ferienbeginn vergleicht: „Drinnen ist nichts mehr los, aber man darf das Terrain nicht verlassen“.

Ein „Bärenkaninchen“?

Die „Russendisco“ hat ihn berühmt gemacht, als Vertreter der deutschen Literatur bis hin nach Brasilien. Seit 17 Jahren legt er in einem Berliner Club mit einem Bekannten CDs auf, eigentlich zu lang für die schnelllebige Clubszene. Aber die „Russendisco“ sei längst eine politische Veranstaltung geworden. Im letzten Jahr setzte er einen Schwerpunkt auf ukrainische Musik, am 4. Juli lädt er im Schokoladenmuseum in Köln zum Christopher Street Day zur Russendisco.

Die politische Großwetterlage ist getrübt, Kaminer fühlt sich wie ein „Bärenkaninchen“, von Menschen in der alten und der neuen Heimat zwischen die Stühle gesetzt. Mit der Musik kämpft er gegen neue Vorurteile an, ebenso mit seinen Lesungen: „Wenn 90 Prozent denselben wählen, bedeutet das nicht, dass ihn so viele mögen – das gibt es nicht“, erklärt er das Wahlverhalten des russischen Volkes. Das Festhalten an Putin erklärt er mit einer Angst, „dass der nächste noch schlimmer würde. Warum das Böse mehren?“

Wladimir Kaminer selbst mehrt lieber das Heitere. Auch wenn er sich selbst auch schon einmal eine schlaflose Nacht bereitet hat. Im Lehrplan der Jahrgangsstufe 8 wird nach der Botschaft einer seiner Kurzgeschichten gefragt. Kaminer grübelte: Es gab sie nicht. „Ich wollte nur Spaß“. Das wiederum ist eine Botschaft, die beim Fantastival-Publikum bestens ankam.