Von Dinslaken in den Weltraum

Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Volker Carl prüft Teile für die Raumfahrt, zuletzt für den wieder gut gelandeten ESA-Raumgleiter. Auch für die NASA hat er schon gearbeitet.

Dinslaken.. Eine Galaxie in Wasserfarbe empfängt die Besucher der Carl IR Messtechnik & Prüfsysteme. Das Bild hat Lenny gemalt, Volker Carls jüngster Sohn, und es hängt hier nicht zufällig. Die Raumfahrt ist eines der Arbeitsfelder der Firma: Den Raumgleiter IXV der europäischen Raumfahrtagentur ESA, der am vergangenen Mittwoch vom Weltraumbahnhof Kourou gestartet und unbeschadet im Pazifik gelandet ist, hat der Dinslakener getestet und geprüft. Unter anderem.

„Von Dinslaken in den Weltraum“ – aus dem Satz, den Volker Carl am Mittwochabend, nach der Landung des Raumgleiters, auf Facebook postete, ist zu lesen, was der 50-Jährige auch sagt: dass er „schon ein bisschen stolz“ ist, an einem solchen Projekt beteiligt zu sein – dem ersten Schritt auf dem Weg zum wiederverwendbaren europäischen Raumschiff.

Die MT Aerospace in Augsburg fertigt Bauteile für die ESA – auch die beiden Steuerungsklappen, die den Raumgleiter manövrierfähig machen – die wichtigste Eigenschaft neben dem Hitzeschutz. Die Klappen sind aus kohlenstofffaserverstärkter Keramik hergestellt. Volker Carl hat sie auf Materialfehler geprüft.

Dafür benutzt er die Impuls-Thermografie, ein Verfahren, das er zwar nicht erfunden aber weiter entwickelt hat und für das er – auch mobile – Prüfsysteme entwickelt. Dabei wird die Oberfläche des zu prüfenden Gegenstands kurz erwärmt. Die Wärme dringt in das Material ein. Anders als bei den Wärmebildern, die etwa energetische Schwachstellen in Häusern aufdecken sollen, beobachtet bei der Impuls-Thermografie eine spezielle Kamera den Wärmefluss. Stockt er an einer Stelle, liegt ein Materialfehler vor.

Nach Augsburg gereist

Die ersten, kleinen Teile der Steuerungsklappen schickte die MT Aerospace noch per Spezialpaket zur Materialprüfung nach Dinslaken. Was den Wiedereintritt in die Atmosphäre überlebt, sollte auch den Postweg überstehen. Bei den montierten Klappen selbst sei man sich da „nicht mehr so sicher“ gewesen, schmunzelt Carl, der für diese Tests samt Equipment nach Augsburg reiste.

Dass seine Tests korrekt waren, beweist nicht nur die sanfte Landung des Intermediate experimental Vehicle (IXV) im Meer – sondern auch anschließende Tests. Carl klappt ein Tablet auf und liest eine Mail des Fertigungsleiters vor: „Du hast offenbar keinen gravierenden Fehler übersehen, die Klappen sehen aus wie neu.“

Geheime Tests für Lamborghini

Der ESA-Raumgleiter ist nicht der erste seiner Art, an dem der Maschinenbau-Ingenieur aus Dinslaken mitwirkt. Auch für die Nasa hat er auch schon gearbeitet – und den X 38, einen Prototyp für einen antriebslosen Raumgleiter, auf Herz und Nieren getestet. Die Turbinenschaufeln des Eurofighters werden ebenso wie die fast aller Flugzeuge, die im europäischen Luftraum unterwegs sind, mit seinen Prüfsystemen getestet. Denn Volker Carl arbeitet mit allen großen Turbinenherstellern zusammen: Rolls Royce, MTU, Avio.

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Sein „spannendster Job“, wie er sagt, hatte allerdings nichts mit Luftfahrt zu tun: Für Lamborghini hat Carl an der Entwicklung des Aventador Modells mit seinen Messungen mitgewirkt, in Sant’Agata Bolognese die Ergebnisse der Crashtests geprüft – in streng geheimen Räumen. „Da durften noch nicht einmal die eigenen Mitarbeiter rein, das Modell und die Nachfolgemodelle durfte keiner sehen und ich konnte daran prüfen“, schwärmt Carl und witzelt: „Leider haben die mir kein Auto gegeben.“ Aber einen weiteren, kleinen Geschäftszweig hat er daraus entwickelt: Mit der ImpulsThermografie lassen sich Autos auf Schäden – etwa durch Unfälle – prüfen. Und natürlich auch Fahrräder. „Da bin ich weltweit der Einzige, der das macht“, sagt Carl. Aus ganz Europa schicken ihm Fahrradfreunde die Rahmen ihrer Bikes, um zu testen, ob sie nach einem Sturz einen Schaden haben.

Wenn der 50-Jährige nicht beruflich in Sachen Weltraum unterwegs ist – dann ist er es privat. Der Mann ist Hobby-Astronom. „Ich habe ein größeres Fernrohr und gucke manchmal Sterne.“ Lennys Bild hängt nicht zufällig in der Firma.