Von der Zechenstraße in den Landtag

Dinslaken..  Ibrahim Yetim ist nicht aus Lohberg weggelaufen. Mit zwei Jahren wäre er dazu auch noch zu jung gewesen. Für die NRZ-Serie „Wir sind Lohberg“ kam der Integrationspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion dorthin zurück, wo er geboren wurde. Und beim Spaziergang durch Lohberg erzählte er uns seine ganz eigene Integrationsgeschichte.

Aus Anatolien kam Yetims Vater 1963 als Gastarbeiter nach Lohberg, zog mit seiner Frau zur Zechenstraße, Nummer 28, arbeitete auf dem Pütt. Als - wie er selber sagt - „Couchgeburt“ kam Ibrahim Yetim zwei Jahre später als drittes von insgesamt vier Kindern zur Welt. „Ich weiß gar nicht mehr, in welcher Wohnung wir damals gewohnt haben“, sagt Yetim beim Blick auf das etwas verwohnt wirkende gelbe Haus.

Zeit, den Stadtteil näher kennen zu lernen, hatte er nicht: Als Ibrahim zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Walsum, der Vater wechselte zur dortigen Zeche. Und Ibrahims Weg als „Migrantenkind“ schien vorgegeben. Grundschule, Hauptschule, Lehre auf dem Pütt, Arbeit unter Tage.

Jugendzentrum und Ulcus

Einmal Zeche, immer Zeche? Nein! Obwohl sein Vater ein einfacher Mann gewesen sei, habe er ihn stets angehalten, sich nicht auszuruhen, sondern Engagement zu zeigen, mehr aus seinen Möglichkeiten zu machen. Auch war es den Eltern wichtig, dass die Kinder Deutsch lernen, damit sie sich in der Gesellschaft besser zurechtfinden. „Für das alles bin ich ihnen noch heute dankbar“, sagt Yetim.

Er hält an, unterbricht das Gespräch, schaut auf das Lohberger Caritas-Haus der offenen Tür. „Ich glaube, hier bin ich früher oft in die Disco gegangen.“ Mit zwei Jahren? Yetim lacht. „Nein, ich bin ja direkt an der Stadtgrenze aufgewachsen, hatte viele Kontakte nach Dinslaken, war hier im Jugendzentrum, später oft im Ulcus“, erzählt der Politiker und setzt seinen Weg fort. Wie damals: Nach der Schicht auf der Walsumer Zeche holte er in der Abendschule das Abitur nach, studierte Jura, wechselte aber in die Kommunikationswissenschaften.

Nach Abschluss des Studiums ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, arbeitete im Marketing, in der Industrieforschung, schließlich als Mitarbeiter eines Landtagsabgeordneten. In die SPD war Yetim über die Gewerkschaft gekommen, in die er zu Zechen-Zeiten eingetreten war. Nach mehreren politischen Stationen und Funktionen (Stadtrat in Duisburg und Moers, SPD-Geschäftsführer,...) wurde Yetim 2010 Landtagsabgeordneter für Moers und Neukirchen. Seit 2012 gehört er dem NRW-Landesvorstand an, ist Integrationspolitischer Sprecher und Vize-Innenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Mit Frau Petra und Tochter Selma wohnt der 49-Jährige in Moers-Kapellen. Zurückblickend weiß er, dass er vieles richtig gemacht, aber auch Glück gehabt hat.

Eine erstaunliche Entwicklung. Das gilt für ihn wie für Lohberg. „Ich erkenne hier kaum noch was wieder“, sagt Yetim im Bergpark beim Blick auf den See, auf das sich wandelnde Zechengelände. Und weiter: „Was ich weiß, gesehen habe und sehe, ist absolut toll. Das Zechengelände, die Häuser in der Gartenstadt... Da kann es einem richtig leid tun, dass der Stadtteil durch die Salafisten eine schlechte Außenwirkung bekommt.“

Stimmt! Helfen kann es da vielleicht, wenn viele Menschen erfahren, dass Lohberg mit dem Salafisten-Problem zwar einen dunklen Punkt, darüber hinaus aber viele bunte Flecken und farbenfrohe Gesichter hat. Und eben das wollten wir mit unserer kleinen Serie „Wir sind Lohberg“ zeigen.