Voerde: Trainingsquartier Grundschule

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Was wir bereits wissen
In der Mensa der alten Pestalozzischule haben Polizeizebeamte Quartier bezogen. Hier trainieren sie Amokszenarien.

Voerde..  Nur wenig erinnert in dem Raum noch daran, dass sich hier einmal die Schulmensa befunden hat: Letzte Reste des Inventars, ein paar Bilder und Zettel an der Wand sind von dieser Zeit geblieben. Dort, wo bis zum definitiven Schlussgong und der letzten Essensausgabe Kinder und Lehrer die Szenerie bestimmten, haben an diesem Vormittag Frauen und Männer der Polizei Quartier bezogen. In der Mensa der alten Pestalozzischule üben sie gerade die Grundtechniken für den brisanten und schwierigen Einsatzfall, der gleich folgen wird. Die Stadt hat der Polizei im Kreis Wesel das ungenutzte Schulgelände als Standort für ihre Fortbildungsarbeit zur Verfügung gestellt, an dem sie Amokszenarien trainieren kann (die NRZ berichtete).

An diesem Tag nehmen Polizisten der Wachen Wesel und Hamminkeln an einem solchen Lehrgang (Modul 2, s. Kasten) teil. Bevor sie das Gebäude auf der Suche nach einem bewaffneten Täter durchkämmen, gehen die beiden Einsatztrainer, Polizeihauptkommissar Andreas Hochstrat und Polizeikommissar Christian Leesing, mit ihnen die Grundtechniken durch, die beim Vordringen zu beachten sind. Die Polizisten üben, wie sie sich in Zweierteams bei der Tätersuche im Gebäude zu allen Seiten gegenseitig absichern.

„Der Täter kann aus allen Richtungen kommen – vor allem in Gebäuden, in denen man im Kreis laufen kann“, erklärt Andreas Hochstrat. Gerade auch Treppen bergen eine große Gefahr, wenn sie von vielen Seiten einsehbar sind. Nicht nur dazu geben die beiden Einsatztrainer Hinweise, auch erklären sie ihren Kollegen, was sie vor und beim Betreten eines Raumes bedenken müssen, erinnern sie daran, bei der Waffe – eine dem Original entsprechende Attrappe – immer auf die richtige Haltung zu achten.

Dreiteiliger Lehrgang

Dann geht es an den praktischen Teil: Die Zweierteams machen sich in dem weitläufigen Gebäude auf die Suche nach dem Täter, tasten sich vorsichtig vor und erreichen bald den Treppenaufgang. Aus der ersten Etage sind Hilferufe zu hören. „Ein ganz schwieriges Thema ist der Umgang mit den Opfern“, berichtet Hochstrat. Die Polizisten, die als erstes den Einsatzort erreichen, haben als oberstes Ziel, Richtung Täter zu gehen, um diesen so schnell wie möglich dingfest zu machen und dadurch eine weitere Gefährdung von Menschen im und am Gebäude abzuwenden. „Wir wollen verhindern, dass noch mehr passiert.“ Und: Je eher der Täter unter Kontrolle ist, desto schneller ist der Weg für die Rettungskräfte frei.

Die Begegnung mit den Opfern ist nicht der einzige Stressfaktor, dem die Polizisten bei dem Training ausgesetzt werden: Lautes Kindergeschrei, Poltern, Knallen dröhnt ihnen auf dem Weg zum Täter entgegen – eingespielt über einen Musikrekorder. Plötzlich läuft eine Frau laut schreiend aus einem Raum, in einem anderen hat sich ein Mann hinter einem Schrank versteckt. Täter oder Opfer? – das erschließt sich für die Polizisten nicht auf Anhieb. Alles geht blitzschnell, in einem solchen Moment gilt es, trotz des enormen Drucks Ruhe zu bewahren, nicht fälschlicherweise die Waffe einzusetzen.

Was bei einem Amoklauf wirklich passiert, lässt sich in einem Training nur ansatzweise darstellen – vom psychischen Stress, unter dem die Polizisten in einem Einsatzfall wie diesem stehen, ganz zu schweigen. Die in dem Lehrgang an die Hand gegebenen Techniken aber lassen sie „sicherer an eine solche Situation“ heran gehen. „Das ist ein großes Stück Handwerkszeug, das mir die Chance gibt, da wieder lebend heraus zu kommen“, sagt Andreas Hochstrat. „Das ist eine Extremsituation, in die man nie kommen will, auf die man aber vorbereitet sein muss. Das Training ist eine sehr gute Übung, dies gedanklich durchzuspielen und Sicherheit zu bekommen“, sagt Polizeikommissarin Lisa B., die gerade eben die Rolle eines um Hilfe schreienden Opfers gespielt hat. Der Lehrgang verlangt den Teilnehmern höchste Konzentration ab. „In einer solchen Situation muss man schnell reagieren und schnell und richtig entscheiden“, bringt es Polizeioberkommissar Nicola P. auf den Punkt. Bei dem Training üben Polizisten zusammen, die auch gemeinsam Dienst machen.

Die Pestalozzischule sei für den Lehrgang optimal, sagt Einsatztrainer Christian Leesing. Das Gebäude sei schön verwinkelt, biete durch seine Größe die Möglichkeit, relativ lange Strecken zurück zu legen. Und es sei den Kollegen unbekannt, weshalb sie sich komplett neu darauf einstellen müssen. „Die Polizei ist immer auf der Suche nach solchen Trainingsstätten“, betont Andreas Hochstrat. Die Voerder Pestalozzischule ist nur ein Übungsort auf Zeit – höchstens solange, bis die Bagger anrücken und den Weg für die dort vorgesehene Wohnbebauung frei machen...