Voerde: Sally Perel erzählt seine Geschichte

Sally Perel
Sally Perel
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Sally Perel sagt von sich selbst, er sei ein Mann mit einer Mission, die ihn immer wieder von Israel nach Deutschland führt. Ein Zeitzeuge des Holocaust, dessen eigene Geschichte vermutlich einzigartig ist.

Voerde..  Der Mann, der am Tisch mitten auf der Bühne in der Aula des Gymnasiums Voerde Platz nimmt, hat eine besondere Ausstrahlung. Er ist alt, eher klein und hat doch eine Präsenz, die das Publikum sofort in seinen Bann zieht. Sally Perel sagt von sich selbst, er sei ein Mann mit einer Mission, die ihn immer wieder von Israel nach Deutschland führt. Ein Zeitzeuge des Holocaust, dessen eigene Geschichte vermutlich einzigartig ist: Er überlebte das Naziregime nicht in einem Konzentrationslager, sondern gab sich als deutscher Junge aus und verbrachte einen Großteil der Kriegsjahre als Josef genannt „Jupp“ in der Hitlerjugend.

Es ist keine Lesung, sondern eine Ansprache, die Sally Perel für die Gäste in der Aula bereithält. „Die Geschichte“, sagt er, „ist die beste Lehrmeisterin.“ Und Zeitzeugen seien die besten Geschichtslehrer. Und es gibt nicht mehr viele, die von den Erlebnissen damals berichten können. Auch Perel selbst ist bereits 90 Jahre alt, doch ruhig werden lassen hat ihn das Alter nicht. Lebendig plädiert er für eine Kultur der Erinnerungen an die grausamen Kapitel der deutschen Geschichte. „Man kann nicht nur über Dichter und Denker sprechen. Auch Hitler und Himmler gehören zur deutschen Geschichte und haben deren schlimmste Seiten niedergeschrieben“, sagt er.

Dann erzählt er aus seiner besonderen Geschichte. Wie er mit seiner Familie zuerst vor den Nazis nach Polen floh und sie ihn schließlich einholten. Er sah nur eine Möglichkeit, zu überleben: Sich selbst als Deutschen auszugeben. Die Scharade gelang. Perel kam erst zur Wehrmacht, wurde dann als Minderjähriger wieder in die „Heimat“ geschickt, wo er eine Schule der Hitlerjugend besuchte. „Wir wurden dort zum Hass erzogen“, berichtet er. Die Ideologie der Nationalsozialisten sei wie ein Gift gewesen, das man in die Gehirne der jungen Menschen tropfte – und auch er selbst war dagegen nicht immun.

Innere Zerrissenheit geschildert

Er schildert seine innere Zerrissenheit. Da war auf der einen Seite immer der jüdische Junge Sally Perel, der ständig fürchten musste, dass man ihn enttarnen und töten würde. Und auf der anderen „Jupp“, der ein wahrhafter Hitlerjunge wurde, über die Siege der Wehrmacht jubelte und dem die Nachricht vom Verlust Stalingrads Tränen in die Augen trieb. „Jupp begleitet mich bis heute“, sagt Perel. „Ich liebe diesen Hitlerjungen. Er war ja ich und hat mir das Leben gerettet. Dafür bin ich ihm dankbar.“ Perel überlebte das antisemitische Regime und traf später immer wieder seine „Kameraden“ aus der Hitlerjugend wieder. Die waren weniger daran interessiert, dass er ein Jude ist, als das sie sich über sein Überleben freuten. „Unter ihren Uniformen waren es alle vollkommen normale Menschen und keine Monster“, sagt er heute. Den Nachfahren der Täter von damals hat er, so sagt er, nichts zu verzeihen. Sie seien nicht Schuld an den Taten ihrer Großväter oder Urgroßväter. „Ich hoffe, ich habe in Euch auch Zeitzeugen hinterlassen. Überliefert diese Wahrheit Euren Kindern und Enkeln“, sagt Perel zum Abschluss. Und bekommt dafür langanhaltenden Applaus.

Schüler des „Auschwitz“-Projektkurses am Gymnasium stellten nach der Lesung unter dem Titel „Auschwitz kann man nicht verstehen“ Zeitzeugenberichte und Fotos aus dem Lageralltag der SS jenen der Opfer gegenüber. Dazu dienten den Schülern vor allem Kommandanturbefehle der KZ-Leitung und Interviews mit ehemaligen Häftlingen des Sonderkommandos, die unter Zwang an der industriellen Menschenvernichtung mitwirkten.