Voerde: Jugendarbeit im Wandel der Zeit

Eine Bootstour auf der Lippe haben die mobile Jugendarbeit Voerde mit Tom Blümer (r.) und das Gemeinwesenhaus der Caritas in Möllen gestern veranstaltet. Anschli9eßend wurde am Bootsanleger in Krudenburg gemeinsam gegrillt.
Eine Bootstour auf der Lippe haben die mobile Jugendarbeit Voerde mit Tom Blümer (r.) und das Gemeinwesenhaus der Caritas in Möllen gestern veranstaltet. Anschli9eßend wurde am Bootsanleger in Krudenburg gemeinsam gegrillt.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Tom Blümer fährt ‘raus zu den jungen Leuten, die nicht in die Einrichtungen kommen, hört ihnen zu und berät sie

Voerde..  Jugendeinrichtungen erreichen längst nicht alle aus ihrer Zielgruppe. Und das hat verschiedene Gründe, wie Tom Blümer von der „mobilen Jugendarbeit Voerde“, deren Träger der Verein „Pro Jugend“ ist, berichtet: Den einen passt das Programm nicht, andere wiederum stoßen sich daran, dass es in den Häusern Regeln gibt, an die sie sich halten müssen, und „ziehen sich bewusst ‘raus“. Eine weitere Gruppe benennt Martin Kropp-Hoffmann mit den jungen Leuten, die „gut vernetzt sind“, die sich im weltweiten Netz und deshalb hauptsächlich im häuslichen Umfeld aufhalten und die eigenen vier Wände anlässlich einer LAN-Party dann doch einmal verlassen. „Es ist nicht mehr so einfach, größere Gruppen von Jugendlichen in die Einrichtungen zu bringen“ – auch, weil es dort viele unterschiedliche Strömungen gibt, erläutert das Pro-Jugend-Vorstandsmitglied. Die intensiver gewordene Schulzeit (ein Stichwort ist G 8) und der erhöhte Freizeitstress spielen ebenfalls eine Rolle.

Öffentliche Ordnung gestört

Mit den jungen Leuten, die sich lieber außerhalb der Einrichtungen an verschiedenen Treffpunkten tummeln, versucht die mobile Jugendarbeit, in Kontakt zu treten, einen Draht zu ihnen aufzubauen. Den Anlass, das Angebot zu intiieren, hätten zunehmende Beschwerden von Bürgern über Jugendliche auf Spielplätzen und anderen Flächen gegeben, die dort die öffentliche Ordnung gestört hätten. Ziel sei es nicht gewesen, „jemanden zu vertreiben oder zu sanktionieren“, sondern herauszufinden, warum sich die Jugendlichen dort aufhalten und ob sie nirgendwo anders hin können, betont Martin Kropp-Hoffmann – und bilanziert: „Die Bürgerbeschwerden haben abgenommen.“

Seit 2012 ist Tom Blümer – früher Leiter des Jugendzentrums (JUZ), das ebenfalls in der Trägerschaft des Vereins „Pro Jugend“ liegt, für die mobile Jugendarbeit tätig. Jeden Tag fährt er mit dem bunten Bus die markanten Punkte an, wo sich die jungen Leute bevorzugt aufhalten, und sucht das Gespräch mit ihnen. Manchmal kommt er gar nicht mehr weg, an anderen Tagen trifft er draußen kaum Jugendliche an. Die meisten von ihnen kennen Tom Blümer schon aus irgendeinem Zusammenhang. Dann gebe es schnell Anknüpfungspunkte, erzählt der Pädagoge. Sehen sie ihn jedoch zum ersten Mal, verhalten sich die jungen Leute erst einmal vorsichtig. Es sei wichtig, ihnen zu vermitteln, dass es für sie einen Ansprechpartner in Voerde gibt, der ihnen nichts Böses will, ihnen gegenüber positiv eingestellt ist, mit dem ein offenes Wort möglich ist, der Hilfsangebote machen will und sie zu Ämtern begleitet. „Die Beratungsintensität hat zugenommen“, betont Blümer, der mit Schulen kooperiert und die Zusammenarbeit als positiv bewertet.

Einige seiner Beratungen sind derart intensiv, dass sie schon einer „mittelmäßigen Betreuung“ gleichkommen. Immer mehr Jugendlichen fehle eine Orientierung, stellt Blümer nicht nur mit Blick auf die spätere Berufswahl fest. Viele Erwachsene würden gegenüber ihren Kindern keine klare Aussage, kein bestimmtes Lebensziel oder bestimmtes Lebensbild vertreten. Weil alles verschwimme, könnten sich Jugendliche zudem heute von Erwachsenen auch nicht mehr abgrenzen, sagt Martin Kropp-Hoffmann. „Das macht es schwierig für sie, eine eigene Kultur zu entwickeln.“

Entscheidend bei der Arbeit mit Jugendlichen sei es, authentisch zu sein. Sie hätten eine „Antenne“ dafür, ob es zwischen dem, was ‘rüberkommt, und dem, wie der Erwachsene wirklich ist, eine Übereinstimmung gibt, sagt Kropp-Hoffmann.

Im Fall der Kooperationen mit den Schulen liegt die Zahl der Jugendlichen, die Tom Blümer mit seiner Arbeit erreicht, bei 15 bis 50. Ist er zu den Treffpunkten unterwegs, sind es, wie er ausführt, zehn bis 30, je nachdem, welche Gruppe er antrifft. Das entscheidende Aspekt ist für Pro-Jugend-Vorstandsmitglied Martin Kropp-Hoffmann nicht die reine Zahl. Die Frage sei, welcher Betreuungsgrad erzielt wird, welche Jugendlichen mit welcher Problemausprägung am Ende erreicht werden und welche Folgekosten dadurch vermieden werden können. „Die Konflikte potenzieren sich“, betont Martin Kropp-Hoffmann, der bei der Stadt Voerde die Abteilung Jugend leitet. Die Kommune verzeichnet im Bereich der „Hilfen zur Erziehung“ aufgrund teils kostenintensiver Fälle einen hohen finanziellen Mehraufwand.