Voerde: Große Sorge um das Rheindorf

Die Holzkonstruktion markiert die Höhe der geplanten Hochwasserschutzmauer im Bereich des Grundstücks am Dorfgemeinschaftshaus. Im Hintergrund verläuft der Rhein (v.l.): Focko Hieronimus, Beisitzer der AG, Schriftführerin Trientke Hieronimus und die 1. Vorsitzende der AG, Anneliese Rühl.
Die Holzkonstruktion markiert die Höhe der geplanten Hochwasserschutzmauer im Bereich des Grundstücks am Dorfgemeinschaftshaus. Im Hintergrund verläuft der Rhein (v.l.): Focko Hieronimus, Beisitzer der AG, Schriftführerin Trientke Hieronimus und die 1. Vorsitzende der AG, Anneliese Rühl.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Die Arbeitsgemeinschaft (AG) „Unser Dorf hat Zukunft“ Götterswickerhamm fürchtet im Falle einer Umsetzung der Deichbaupläne in der vorgelegten Form um ihren Ort.

Voerde..  Menschen machen es sich auf der Wiese gemütlich oder legen auf einer der Bänke ein Päuschen ein – und genießen dabei den Blick auf den Rhein. Andere schlendern derweil gemütlich am Fluss entlang oder kehren in eine der Gaststätten ein. An sonnigen Tagen ist dies ein gewohntes Bild in Götterswickerhamm. Das Rheindorf bietet den Besuchern einen Ort zum Verweilen – und seinen Bewohnern einen beschaulichen Lebensraum. Nun aber droht dem Idyll Ungemach: Kommt das Deichbauprojekt „Mehrum 3“ in der geplanten Form, wird fast durchgängig – das Lokal „Zur Arche“ ist auf Wunsch des Besitzers ausgenommen – eine bis zu fünf Meter hohe Hochwasserschutzmauer das Dorf durchziehen und das Ortsbild massiv verändern.

Höherer Schutzstandard

Mit großer Sorge schaut auch die Arbeitsgemeinschaft (AG) „Unser Dorf hat Zukunft“ Götterswickerhamm auf das, was im Rheindorf passieren würde, wenn im Zuge des laufenden Planfeststellungsverfahrens nicht noch gravierende Änderungen der Planungen erreicht werden können, die der Deichverband Mehrum eingereicht hat. Die Kritik der AG richtet sich auch nicht in erster Linie gegen den Bauherrn: „Der Deichverband kann nur nach den Richtlinien vorgehen“, so Vorsitzende Anneliese Rühl. Darin besteht für Götterswickerhamm die Krux: Das Dorf liegt laut Festsetzung in einem Bergsenkungsgebiet, wofür ein höherer Schutzstandard gilt.

In dem Fall muss das sogenannte Freibord (Deichhöhe über dem maximalen Wasserstand, um Wellen abzufangen) 1,50 Meter statt dem üblichen einen Meter betragen. Sobald der besagte eine Meter überschritten ist, kann nicht mehr auf der bestehenden Trasse – innerorts bildet die Dammstraße die Hochwasserschutzlinie – geplant werden, wie Deichgräf Ingo Hülser erklärt. Dann wäre auf der Dammstraße ein zweireihiger Hochwasserschutz erforderlich, der dort „so nicht ohne weiteres umsetzbar wäre“. Ziel des Deichverbandes sei es, die Straße auch im Hochwasserfall für den Verkehr offen zu halten. Aufgrund des „Bergbau-Zuschlages“ schließt Hülser eine Lösung auf der alten Trasse aus. Und so weichen die Pläne mit einem meterhohen Bollwerk an den Fluss aus.

Trientke Hieronimus, Schriftführerin bei der AG „Unser Dorf hat Zukunft“, erinnert selbiges an eine Gefängnismauer. „Wir bekommen ein schreckliches, hässliches Bauwerk hierhin gesetzt“, kritisiert sie. Unter den Bewohnern sind ganz besonders die betroffen, deren Grundstücke direkt am Fluss liegen. Nicht nur, dass ihnen künftig der Blick auf den Rhein verwehrt bleiben würde. Landseits hinter der Mauer wird der Deichverteidigungsweg vorgehalten. Dieser muss aufgeschüttet werden, weshalb die Häuser auf den privaten Grundstücken eine Stützmauer erhalten sollen.

Auf Kritik stößt zudem der einzige in der Dorfmitte vorhandene barrierefreie öffentliche Zugang zum Rhein vom Dorfgemeinschaftshaus aus. Dieser werde mit einer Rampe von 45 Metern Länge für Behinderte zu einem Problem. Als eine „hohe Schlucht Richtung Rhein“ bezeichnet Anneliese Rühl den neben der „Arche“ verlaufenden Treppenzugang zum Fluss.

Auch die Kosten bereiten der AG „Unser Dorf hat Zukunft“ Kopfzerbrechen: Ihr Ort werde zerstört – und dafür müssten sie auch noch bezahlen, lautet eine Kritik. Ein Problem ist, dass der Deichverband Mehrum ein großes Verbandsgebiet mit aber vergleichsweise wenigen Mitgliedern hat (dem Deichgräf zufolge knapp 1000), auf die sich die Kosten verteilen. Mit Sorge sieht die AG auf die Beteiligung des Landes an den Kosten von Deichsanierungsmaßnahmen. Noch trägt es 80 Prozent, so Deichgräf Hülser, es war schon von nur noch 70 Prozent die Rede. Würde der Bergbau, der laut Deichverband verlautet hat, unter Götterswickerhamm nicht tätig gewesen zu sein und sich deshalb bei der Finanzierung des Deichbaus nicht mit im Boot sieht, einen Anteil leisten, könnte man über andere Lösungen sprechen, etwa mehr mobilen Hochwasserschutz umsetzen, ist Anneliese Rühl überzeugt.

„Wir sehen ein, dass der Deich saniert werden muss – aber nicht so“, betont Trientke Hieronimus. Sie fürchtet, dass die Jugend wegziehen wird, „wenn sich Götterswickerhamm in eine durch Betonmauern umgebene Festung verwandelt“.