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Karneval

Völlig jeck beim Voerder Zug

19.02.2012 | 18:23 Uhr
Völlig jeck beim Voerder Zug
Rund 30 000 Jecken jubelten wieder dem närrischen Zug in Voerde zu. Foto: Heinz Kunkel, WAZ FotoPool

Voerde.Die Niederrheiner zeigten beim Karnevalszug in Voerde, wie es sich trotz leerer Kassen trefflich feiern lässt.

Spitzen, Rüschen, ein voluminöses Kleid und die gepuderte Perücke. Voilà! Die Verwandlung in eine fritzerianische Rokoko-Dame ist vollbracht. Dreihundert Jahre nach der Geburt des kleinen Friedrich des Großen drängt es sich förmlich auf, das südlich von Friedrichsfeld gelegene Voerde zu Karneval als Gesandte des Preußischen Königshauses zu besuchen. Und auch die Einladung ist illuster. Empfang auf Schloss Voerde, anschließend Karnevalzug vor 30 000 jubelnden Niederrheinern.

Dabei warnt der Alte Fritz vor den Bewohnern des Herzogtums Kleve, sprich dem Niederrheiner als solchem . Er nähme es mit den Autoritäten nicht so ernst und habe etwas Störrisches. Das Herzogtum – und da steckt Voerde mittendrin – war sozusagen für Friedrich den Großen das, was ein kleines gallisches Dorf für Cäsar war. Und tatsächlich: der Empfang entpuppt sich als Gerichtsverhandlung. Richter Marc Sarres erklärt, man habe dem abwesenden Bürgermeister Leonard Spitzer die Immunität aberkannt und einen Auslieferungsantrag an dessen Urlaubsland Australien gestellt. Kein juristisches Nachspiel habe es dagegen, wie der Zug trotz leerer städtischer Kassen finanziert worden sei. Sarres verschweigt die wahren Sponsoren, nennt aber Namen aus Hannover.

Von wegen Spitzer und Voerde: Friedrich prägte den Begriff des „ersten Dieners des Staates“, aktuell fällt es den „störrischen Niederrheinern“ nicht schwer es, über den derzeit letzten „ersten Diener“ zu spotten.

Woge des Frohsinns

Aber der Adel ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Für die anwesenden Prinzen und Prinzessinnen, so lerne ich, ist dies der erste und letzte Auftritt beim Voerder Karneval. Sie repräsentieren, sie verleihen Orden, es ist ihr Lebenstraum, Prinz zu sein – aber anstatt einmal Königswürden zu erhalten, geben sie nach einem Jahr ihre Regentschaft ab.

Draußen, wo sich die Wagen formieren, erlebe ich dagegen preußische Ordnung. Stefan Schmitz, 1. Vorsitzender des VKV, bespricht sich mit dem Wach- und Sicherheitsdienst. 116 Ordner für 14 Festwagen, 10 im Kreisverkehr. Dazu eine Hundertschaft der Polizei, mehr als hundert Mitarbeiter des DRK und fünf Notärzte.

Und dann setzt sich der Zug um 11.11 Uhr in Bewegung und ich spüre, wie ich von einer Woge des Frohsinns mitgerissen werde. Am Wegesrand wird jeder nach seiner Fasson glücklich. Pinguine und Piraten, Jedi-Ritter und und Vampire feiern Seite an Seite. Die Süßigkeiten, die mir der VKV zur Verfügung stellt, werfe ich vor allem Kindern zu, neben mir fliegen auch Badelatschen und andere Dinge aus Gummi in die Menge.

Und vorab marschiert das Tambourkorps Voerde. Aber das sind ja„Kölsche Tön“! Tatsächlich. Vor 40 Jahren hat es eine Invasion von Kölnern in Friedrichsfeld gegeben. Und diese gründeten den VKV, der nun jedes Jahr zu Karneval die Regentschaft übernimmt.

Kreativität überall

Die Sonne lacht, die Stimmung ist heiter und friedlich. Was ätze Friedrich II.? Die Niederrheiner seien „wirr und im Rausch ihrer Väter gezeugt“. Ein „Vater“ torkelt zum Wagen und will von uns „Chips und Schnaps“ schnorren. Er bleibt ein Einzelfall.

Und von wegen, die Niederrheiner hätten „weder natürliche Talente noch erworbene Kenntnisse“. Die Kreativität, die mir hier überall begegnet, spricht da wohl eine andere Sprache: kleine Elfen und große komische Vögel, Nachbarn, die vor ihrer Haustür feiern, ja sogar Marge und Homer Simpson „persönlich“.

Dazu die Begeisterung der Menschen, die Freude in den Augen der Kinder. Diese ganze rheinländische Leichtigkeit. Vor Sankt Paulus endet der Zug, die Kartons sind leer. Angesteckt von der Freude der Menschen und vom Beschenken fühle ich mich aufgedreht. „Ein Augenblick des Glücks wiegt Jahrtausende des Nachruhms auf“, auch das ist ein Zitat von Friedrich II. „Da bin isch dabei“, singe ich leise das Kölsche Lied. O ja. Von mir aus können die Preußen nach Wesel ins Museum geschickt werden. Ich bin ‘ne Jeck’.

Bettina Schack

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