Vielfalt der künstlerischen Handschriften

Dinslaken..  Seit dem vergangenen Jahr ist Mirko Schombert neuer Intendant an der Burghofbühne. Der 34-Jährige steht für Kontinuität, aber bringt ebenso frischen Wind in das Landestheater. Im Interview mit David Huth sprach er über die ersten Monate im neuen Job, Dinslaken und das Theater.

Im August 2014 haben Sie als Intendant der Burghofbühne angefangen. Haben Sie sich schnell mit der neuen Aufgabe zurecht gefunden?

Ja, eigentlich schon. Landestheater funktioniert aber anders, als ein Staatstheater, wo ich vorher war. Es gibt immer Zwischenstellen, die uns buchen müssen. Da ich vorher freiberuflich unterwegs war, wusste ich wie es ist in kleinen Teams zu arbeiten und an unterschiedlichen Spielstätten aufzutreten. Beide Erfahrungen haben mir in Dinslaken weitergeholfen. Und ich war auch schon öfters in Dinslaken, bevor ich die Stelle offiziell angetreten habe. So hatte ich fast ein Jahr Zeit, um mich auf die Aufgabe vorzubereiten.

Die Besonderheiten einer Landesbühne sind spannend. Zuletzt waren Sie im Staatstheater Mainz. Dort hatten Sie eine feste Spielstätte. Jetzt touren sie mit dem Ensemble durch die Region. War es eine Umgewöhnung?

Schon in der Art und Weise wie wir unsere Stücke inszenieren, müssen wir das berücksichtigen. Das beginnt beim Bühnenbild und geht bis zum Licht. Das Bühnenbild muss transportabel sein. Das Licht muss sich an die Spielstätte anpassen lassen. Wir spielen in kleinen Räumen oder vor 2000 Zuschauern unter Freiluft. Je nach Ort und der Größe des Publikums muss man den richtigen Ton mit dem Stück treffen.

Die Mentalität der Menschen in der Region kannten Sie ja bereits. Ihre Kindheit verbrachten Sie in Essen-Huttrop. Half das beim Einleben?

Dadurch, dass ich in Essen geboren bin und auch schon in Krefeld engagiert war, kannte ich die Region. Aber auch die Mentalität der Menschen macht es einen leicht, sich schnell einzugewöhnen. Die Menschen sind herzlich und offen. Es ist im Grunde eine doppelte Rückkehr für mich. Ich komme aus der Region und ich habe als Jugendlicher in einer Amateurtheatergruppe angefangen. Da sind wir auch schon immer übers Land getourt.

Mit der Inszenierung von Faust haben Sie im September ihren Einstand gegeben: Waren Sie erleichtert, dass das Stück beim Publikum gut angekommen ist?

Natürlich, der Anfang in Dinslaken war auch für mich spannend. Da war ich sehr erleichtert, dass es gut angekommen ist – gerade wegen der Kontroversen. Wir haben eine künstlerisch anspruchsvolle Produktion geschaffen, die zum Diskutieren anregte. Ich hätte nichts schlimmer gefunden, wenn es als netter, harmloser Abend für den Auftakt durchgegangen wäre.

Ist es wichtig, dass man sich am Theater reiben kann?

Das ist lebensnotwendig für das Theater. Es ist einer der wenigen Orte, wo sich die Menschen noch mit Themen auseinandersetzen können, die uns umtreiben. Wenn es thematisch kontrovers oder ästhetisch ungewöhnlich wird und sich daran die Geister scheiden, dann ist es gut.

Für Faust konnten Sie auch Matthias Fontheim gewinnen. Erwarten den Zuschauer noch mehr hochkarätige Gastregisseure?

Es ist auf jeden Fall ein erklärtes Ziel, mit renommierten Gastregisseuren zusammenarbeiten, um eine Vielfalt der künstlerischen Handschriften zu gewährleisten.

Von ihrem Mainzer Netzwerk profitieren Sie auch in Dinslaken. Mit Nadja Blank und Anna Scherer haben Sie schon am Staatstheater zusammengearbeitet. Warum haben Sie die beiden nach Dinslaken geholt?

In Mainz haben wir schon gut zusammengearbeitet. Wir haben sehr ähnliche Vorstellungen von Theater und sprechen dementsprechend eine gemeinsame Sprache. Wir begreifen die Arbeit in Dinslaken als Dreier-Team – auch wenn ich der Intendant bin. Wir kritisieren uns offen, woraus eine fruchtbare Zusammenarbeit entsteht.

Bis auf diese beiden Personalentscheidungen stehen sie für Kontinuität an der Landesbühne. Wo setzten Sie die Arbeit von Thorsten Weckherlin fort und wo setzen sie neue Akzente?

Ich knüpfe ganz klar an erfolgreiche Modelle wie „Jedem Kind ein Theaterbesuch“ an. Dabei ermöglichen Sponsoren jedem Kindergartenkind eine Aufführung des Theaters zu besuchen. Ebenso führen wir den Kathrin-Türks-Preis weiter, der unter Thorsten Weckherlin wiederbelebt wurde. Wir setzen aber auch neue Akzente, beispielsweise durch einen verstärkten Ausbau der theaterpädagogischen Arbeit. Die Gründung der Bürgerbühne am Tenterhof ist ebenfalls neu. So soll den Menschen in Dinslaken mehr die Gelegenheit geben, selber aktiv zu werden und es als ihr Theater zu begreifen. Zudem, wie ich bereits sagte, erhöhen wir die Zahl der Gastregisseure. Und wir wollen in der kommenden Spielzeit ein Studiostück speziell für den Tenterhof umsetzen. Das Stück heißt „Marathon“. Zudem haben wir das Klassenzimmerstück „Erste Stunde“ mit ins Programm genommen. Damit gehen wir dann in Schulen rein. Das machen wir mit anderen Stücken, aber diese Inszenierung ist speziell auf die Schule zugeschnitten.

Ist es gerade für eine Landesbühne entscheidend, dass Theater und Bürger zusammenfinden und nicht voneinander losgelöst in einer Stadt existieren?

Für eine Landesbühne ist es nicht entscheidend, aber für mein Theaterverständnis ist es entscheidend. Ich denke, Theater braucht immer die Anknüpfung an die Menschen und den Ort, an dem es entsteht. Theater sollte im Idealfall ein Medium sein, das sehr durchlässig ist und alle mit einbezieht.

Hat dieses Theaterverständnis auch Ihre Arbeit in Theaterpädagogik geprägt?

Dadurch, dass ich lange als Theaterpädagoge gearbeitet habe, kenne ich beiden Seiten. Bei den Inszenierungen war ich dabei, aber ich habe auch immer die Rückmeldung vom Publikum bekommen. Dadurch habe ich einen ganzheitlichen Blick auf das Theater.

Aktuelle Bezüge sind Ihnen in Ihren Stücken auch wichtig. Das zeigten Sie jüngst mit der Inszenierung von „1984“. Muss das Theater aktuelle politische Themen aufgreifen, um relevant zu sein?

Theater darf es und sollte es auch tun, aber nicht ausschließlich. Wichtiger ist es, eine zeitgenössische Perspektive auf Themen zu haben. Damit wird jedes Theater in gewisser Weise politisch, wenn es den Zeitgeist und die gegenwärtige Perspektive einbaut. Ich begreife Theater nicht als Museum, sondern sondiere jeden Stoff danach, welche universellen Themen darin stecken. Bei „1984“ beispielsweise haben wir auf direkte Anspielungen auf Google, NSA und Co. verzichtet. Durch die Spielweise und den Inhalt des Stücks haben wir dennoch die aktuellen Bezüge hergestellt.

Sie sollen sich gegen 50 Bewerber für die Intendanten-Stelle durchgesetzt haben. Sind Sie stolz darauf, dass Sie das geschafft haben?

Ich freue mich und bin stolz darauf es geschafft zu haben. Das war aber nur der erste Schritt. Jetzt gilt es zu beweisen, dass es die richtige Entscheidung war. Mit viel Ehrgeiz und Spaß arbeiten wir daran. Vor allem der Spaß ist nicht zu vergessen, es ist schön hier zu sein.