Viele Menschen leben unter Planen

Sören Leymann fuhr mit einem Freiwilligenteam in eine abgelegene Bergregion, um dort Menschen zu behandeln, die bis dahin keine Hilfe erhalten hatten.
Sören Leymann fuhr mit einem Freiwilligenteam in eine abgelegene Bergregion, um dort Menschen zu behandeln, die bis dahin keine Hilfe erhalten hatten.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Ärzte des Dinslakener St. Vinzenz-Hospitals sind aus der Erdbebenregion zurück. Nahe Kathmandu unterstützten sie das einheimische Team bei der Versorgen der Verletzten.

Dinslaken..  Nach drei arbeitsreichen Wochen sind die Anästhesistin Melanie Walter und der Unfallchirurg Sören Leymann aus der Erdbebenregion in Nepal zurückgekehrt. Im Sushma Koirala Memorial Hospital in Sankhu nahe Kathmandu unterstützten sie das einheimische Team bei der Versorgung der vielen Verletzten. Vorwiegend Knochenbrüche, Quetschungen, offene Brüche oder Verbrennungen nach Unfällen mit Strom galt es zu behandeln, erklärte Sören Leymann im NRZ-Gespräch.

Das Haus der Organisation Interplast ein Stück außerhalb der zerstörten Stadt sei eine „funktionierende Oase“, berichtet der Mediziner - allerdings war es als Klinik für plastische Chirurgie fachlich eigentlich nicht auf die Notfallversorgung ausgerichtet. Beim Eintreffen des Teams aus Dinslaken war das Hospital mit 54 Betten völlig überfüllt. Die Patienten und ihre Angehörigen wurden zum Teil in Zelten oder im Carport untergebracht. Viele blieben sogar nach der Behandlung - weil sie ansonsten kein Dach über dem Kopf gehabt hätten. Etwa 40 Prozent seiner Patienten, schätzt Sören Leymann, waren Kinder.

Das etwa zehnköpfige einheimische Ärzteteam wurde von fünf deutschen Medizinern unterstützt. Als schwierig erwies sich anfangs der Informationsaustausch in der Region, berichtet der 40-Jährige. Die Helfer bemühten sich daher in Kathmandu um Absprache mit anderen Organisationen, unter anderem auch der UN, um die Verteilung der Patienten zu organisieren oder zu erfahren, wo noch Hilfe benötigt wird. So nahm Sören Leymann auch an einer Tour in ein abgelegenes Bergdorf teil. In einem Bus, vollgepackt mit Hilfsgütern, fuhr ein Freiwilligenteam, darunter der Chirurg als einziger Arzt, stundenlang über zerstörte Straßen und Wege in die Himalayaregion. In einem Dorf behandelte Sören Leymann 150 Menschen, die bis zu diesem Tag noch keine Hilfe erhalten hatten. Nach 16 Stunden war der Bus zurück in der Stadt.

Das deutsche Team erlebte in Sankhu auch das zweite Erdbeben der Stärke 7,4. Es überraschte die Mitarbeiter des Hospitals in der Mittagszeit bei der Arbeit: Sofort wurden die Patienten ins Freie getragen, viele blieben aus Angst vor weiteren Beben tagelang draußen. Beeindruckt war Sören Leymann von einer deutschen Kollegin, die trotz des Bebens mit einer nepalesischen Ärztin im OP ihre Arbeit fortsetzte. Sie konnten das Gebäude erst verlassen, nachdem die Wunde des Patienten verschlossen war. Viele Gebäude, die das erste Beben beschädigt überstanden hatten, stürzten beim zweiten Erdstoß ein. Auch weitere Verletzte erreichten das Hospital - glücklicherweise nicht so viele wie beim ersten Beben.

Sehr beeindruckt hat den Mediziner auch die Haltung der einheimischen Mitarbeiter des Hospitals: Einige hatten ihr Haus und sogar Familienmitglieder verloren, doch sie erschienen jeden Tag zum Dienst und sprachen erst auf Nachfrage über ihr eigenes Unglück. „Das war schon bewegend.“

Für das Dinslakener Team ist der Einsatz beendet - die Menschen in Sankhu werden noch lange unter den Folgen des Bebens zu leiden haben. Krankheiten können sich ausbreiten, befürchtet Sören Leymann. Denn viele Menschen leben in Zelten aus Planen, die jetzt in der Monsunzeit überschwemmt werden. Auch die seelischen Folgen seien spürbar. Die ersten psychologischen Hilfsangebote sind schon vor Ort, in Sankhu bietet zum Beispiel eine Hilfsorganisation aus Malaysia Nachbetreuung an.