Vereint im harmonischen Hupen

Dinslaken..  Der Mensch sei ein soziales Wesen, ein zoon politicon, zitiert Matthias Reuter die alten Griechen. Er neige also zur Gruppenbildung. Was ein dynamischer Begriff ist. Wie die Sprache selbst. „Sie sehen ja wie sich die Bedeutung des Wortes ‘politicon’ verändert hat“, meint der Mann „aus der bankrotten Nachbarstadt“, sprich Oberhausen. Im Dinslakener Dachstudio lud Matthias Reuter zur Gruppensitzung. Gut besucht war der Abend, „und das außerhalb der Aboreihe“. Aber Menschen teilen, anders als der Kabarettist am Piano wähnt, zuweilen noch andere friedliche Interessen als nur harmonisches Hupen in der Verkehrsschlange, ein Besuch von Reuters Soloprogrammen gehört dazu.

Nun versteht es Reuter aber auch, zwischen Quatsch und Blues mit feinem, leisen Humor Dingen auf den Grund zu gehen, die selbst im Kabarett seltenst entlarvt werden. Wenn er zum Beispiel den „wichtigsten Mann, der nichts tut und nichts kann“, nicht nur als gut bezahlten Sündenbock beim Bau und im Nachrichtendienst enttarnt, sondern in der dritten Strophe des kleinen Liedes den Politiker zitiert, der sich im politischen Kabarett darüber köstlich amüsiert, dass er - wie immer – als Witzfigur herhalten muss. Jener weiß, dass er das Geld und die Macht besitzt, während der Kabarettist auf der Bühne einer von vielen Clowns ist, die auf reale Steilvorlage ihrer Pointen angewiesen ist.

Matthias Reuter besitzt Selbstironie. Sein Lieblings-Zuschauerzitat ist „Frag ihn nach einem Autogramm, dann freut er sich“, sein Lieblings-Hausmeisterzitat: „Auf dem Flügel werden Sie nicht spielen, der ist frisch gestimmt“.

Der Oberhausener verzählt sich beim 12-taktigen Bluesschema, weil er ein in Mathe und Naturwissenschaften schwaches NRW-Abitur hat, ist aber stark, wenn es um Empathie geht. Wie sonst könnte man ein so zärtliches Lied dichten, wie das, in dem der Hooligan sein Pendant vom gegnerischen Verein als Feind fürs Leben zu hassen lieben lernt? Oder im eigenen Programm bewusst soziale Verantwortung für das Auskommen von Schlagerstars im Alter übernehmen, in dem man „Schöne Maid“ singt, nur damit es auf die tantiemenpflichtige GEMA-Liste kommt?

Lachen in der Gruppe

Matthias Reuter tut so etwas. Und erfindet liebenswerte Geschichten wie die von der Bestatterin, die nach einem EM-Spiel mit dem quicklebendigen, fahneschwenkenden 80-jährigen mit dem Leichenwagen durch die Fußgängerzone fährt, weil dieser seinem Enkel eine Fahrt im Autokorso versprochen hat: Drei Monate Führerscheinentzug, aber der Werbeeffekt ist unbezahlbar.

„Die Menschen sind ‘ne Krisenherde“, nennt Matthias Reuter sein Programm, in dem er der so genannten Schwarmintelligenz eine klare Absage erteilt. In der Gruppe zu lachen hat sich allerdings am Freitag als eine kluge, weil unterhaltsame Entscheidung erwiesen.