Stockholms „bizarre“ Entscheidungen

Dinslaken..  Dem interessierten Leser hat es das Komitee, das alljährlich über die Vergabe des Literaturnobelpreises entscheidet, 2014 leicht gemacht: Die Romane von Patrick Modiano seien so kurz, dass man je vor und nach dem Abendessen lesen könne und zudem habe er eigentlich auch nur einen einzigen geschrieben und in 30 Büchern variiert.

Wieso allerdings die Entscheidung über den bedeutendsten Preis für Gegenwartsliteratur allein von fünf Schweden - darunter kein einziger Literaturkritiker, aber ein Spezialist für Mittelhochschwedisch - getroffen wird, ist nicht so leicht zu sagen.

Sicher ist allerdings: Mag die Entscheidung in Stockholm manchmal noch so umstritten sein, wer sich von dem Literaturwissenschaftler Michael Serrer, Leiter des Literaturbüros NRW, das Vergabeverfahren, die Geschichte des Preises und Leben und Werk des aktuell ausgezeichneten Autoren am Mittwoch erklären ließ, erlebte im Dachstudio der VHS Dinslaken unstrittig unterhaltsame eineinhalb Stunden.

Serrer nannte Zahlen und Fakten, Geschichte und Geschichten. Er rechnete vor, dass zu den 111 Preisträgern 13 Frauen und 13 deutschsprachige Autoren gehören, am häufigsten die Skandinavier selbst gewannen, ein Niederländer dagegen noch nie.

Er erklärte die Regel, dass, um „Eintagsfliegen“ zu vermeiden, ein Autor mindestens in zwei Jahren vorgeschlagen werden muss, um auserwählt zu werden. Und dass Sartre den Preis gar nicht haben wollte - das Preisgeld allerdings genommen hätte.

„Das ist eine bizarre Entscheidung“, kommentierte Modiano seine Wahl. Der Autor, der mit seiner Frau so zurückgezogen mitten in Paris lebt, das ihn nicht mal sein Verlag erreichte, erfuhr von einem Passanten beim Spaziergang im Park von der Auszeichnung.

Vielleicht spiegelt sich aber darin auch nur das Desinteresse Modianos an der Gegenwart und der Zukunft wieder. Der Autor mit jüdischen Wurzeln, der früh seinen Bruder verlor und dessen getrennt lebende Eltern ihn in wechselnden Internaten aufwachsen ließen, spürt in seinen Büchern akribisch der Erinnerung an das Paris der 50er Jahre nach. Dass ihm dies auch optimistisch gelingen kann, zeigt „Die kleine Tänzerin“. Mit dem von Sempé („Der Kleine Nick“) illustrierten Bändchen gab Michael Serrer den leider nur wenigen Anwesenden noch einen hinreißenden Geschenktipp mit auf den Weg.