Rettung aus dem brennenden Auto

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Eine 32-Jährige zog einen verletzten Mann aus seinem Unfallwagen. Er soll ein Einbrecher auf der Flucht gewesen sein

Dinslaken.. Es geht gar nicht um die Ehre, um die Würdigung oder gar Dank dafür, dass Rebecca Scherer einem jungen Mann vermutlich das Leben gerettet hat. Das ist ihr nicht wichtig, sagt sie. Aber die 32-Jährige macht sich Sorgen um eben diesen jungen Mann. Dass er nicht gesund wird. Und dass er zu hart bestraft wird. Denn der junge Mann, den Rebecca Scherer am vergangenen Sonntag aus einem brennenden Auto gerettet hat, war ein mutmaßlicher Dieb auf der Flucht. Mit seinem Golf raste er an der Stadtgrenze zu Oberhausen in ein Wäldchen - und hatte Glück, dass Rebecca Scherer zufällig zu Hause war. Dass im Fernsehen ein Pfarrer Braun Krimi lief. Und dass sie so mutig und geistesgegenwärtig war.

Eigentlich war die 32-Jährige bei einem Musik-Festival, wollte dort übernachten. „Aber es hat mir da nicht gefallen“, erklärt sie - also tauchte sie spät am Abend überraschend bei ihren Eltern auf. Hätten sie nicht gemeinsam noch eine Wiederholung von „Pfarrer Braun“ geschaut - dann wären sie nach Mitternacht wohl längst im Bett gewesen. Und hätten nicht gehört, was sich vor ihrer Haustür abspielte.

Als es knallte, dachte Rebecca Scherer zuerst, ihre Mutter wäre auf der Kellertreppe gestürzt. Doch Annette Scherer war wohlauf und man hätte den Knall auf sich beruhen lassen - hätte es anschließend nicht in regelmäßigen Abständen geklirrt. Randalierende Jugendliche? Automarder? Rebecca wischte alle elterlichen Bedenken beiseite, stürzte aus dem Haus an der Sterkrader Straße und sah - nichts. Hörten nur das Klirren. Und entdeckte auf der gegenüberliegenden Straßenseite, hinter Dornengestrüpp in einem tieferliegenden Waldstück - von der Straße unsichtbar - einen Unfallwagen. Darin saß ein junger Mann, schwer verletzt - „und zerschlug eine Bierflasche nach der anderen“, so die 32-Jährige. Warum? „Vielleicht Schock. Oder er wollte auf sich aufmerksam machen. Sich kühlen. Oder die Beute zerstören.“ Sicher aber war, dass der Wagen im vorderen Bereich bereits brannte, dass der Fahrer nicht gehen konnte.

Rebecca Scherer, Altenpflegerin im letzten Ausbildungsjahr, stürzte durchs Gebüsch und zog den Verletzten auf den Radweg. „Da sagte er, dass sein Rücken weh tut - und dass ich seinen Kopf nicht loslassen soll.“ Das Auto wenige Meter daneben brannte lichterloh, die Luft glühte. „Wir müssen hier weg!“ brüllte Rebecca - aber wie den am Rücken Verletzten bewegen? Zwei Nachbarjungen hielten einen Wagen an. Gemeinsam mit dem Fahrer schleifte die junge Frau den Fahrer weiter. „Ich hätte nicht gedacht, dass ein Auto so schnell brennt“, sagte sie nachher geschockt. Noch heute ist an den versengten Bäumen zu sehen, wie hoch die Flammen geschlagen sind. Auf dem Waldboden liegen noch Bierflaschen.

Als Polizei und Sanitäter eintrafen - das Auto war laut Rebecca schon fast ausgebrannt - hievten sie den Verletzten über die Straße. Und baten Rebecca, bei ihm zu bleiben. „Ich hab ihn die ganze Zeit etwas gefragt, damit er wach bliebt.“ Immerhin war der junge Mann über und über mit Scherben der zerborstenen Bierflaschen gespickt und voll Blut. Ebenso wie seine Retterin. Erst da erfuhr sie, dass der junge Mann offenbar in einen Discounter eingebrochen war - und musste der Oberhausener Polizei versichern, „nur“ die Retterin und nicht etwa die Komplizin zu sein. „Dutzende Kisten Mineralwasser“, Cognac, Whiskey und einen Staubsauger soll der junge Mann laut Polizeibericht gestohlen haben, der Unfall geschah auf der Flucht vor der Polizei. Der Wagen war aber voller Bierkisten, wundert sich die Retterin.

Letztendlich sei egal, ob es Wasser oder Bier war und auch wie viel, versichert Tom Litges, Sprecher der Polizei Oberhausen - am Straftatbestand ändere das nichts. Die Beamten der Polizei Dinslaken haben laut Annette Scherer gesagt, Rebecca habe „alles richtig“ gemacht. „Das hätte ich auch gemacht, wenn er ein Mörder gewesen wäre.“ Im Krankenhaus hörte sie, dass der junge Mann eine Wirbelverletzung habe. Wie es ihm geht, konnte auch die Polizei gestern nicht sagen. Dass er nicht im Rollstuhl landet - das ist Rebecca Scherer wichtig. Nicht ihr Einsatz.

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