Politik, Poesie und Stille

Dinslaken..  Seit 40 Jahren rüttelt Konstantin Wecker mit seinen politischen Liedern das Land auf und verzaubert seine Fans mit poetischen Texten und Melodien. Am Mittwoch, 23. Juni, um 20 Uhr lädt er mit seiner Band im Rahmen des Fantastival Dinslaken zu „40 Jahre Wahnsinn“ im Burgtheater. Die NRZ sprach mit dem Liedermacher.

Sie waren 2010 schon einmal in Dinslaken, damals mit Hannes Wader. Ist Ihnen das Burgtheater in Erinnerung geblieben?

Wecker: Natürlich, es gibt ein paar Auftrittsorte, die einfach anders sind. Und es war auch eine sehr schöne, besondere Tour.

Damals standen zwei ganz unterschiedliche Charaktere auf der Bühne: Der eher etwas trockene Norddeutsche und Sie mit einer bayerisch-barocken Lebenslust. Sie schienen auf der Bühne richtig nach dem Leben zu greifen – und widmen sich privat dem Zen-Buddhismus: Wie passt das?

Das passt. Buddhisten müssen ja nicht lebensfeindliche Menschen sein. Aber einmal am Tag für eine oder eine halbe Stunde sich der Stille hinzugeben, ist wichtig. Im Laufe der Zeit ändert sich vieles, wenn man sich diese Zeit gönnt.

Seit 40 Jahren sind Sie auch eine politische Stimme, unter anderem veröffentlichen Sie journalistische Beiträge auf Facebook. Was bewegt Sie im Moment?

Mich beschäftigt das Versagen der Menschheit, von der ein Prozent so viel besitzt wie die restlichen 99 Prozent. Das muss man immer wieder herausschreien. Es geht nicht darum, ob jemand einen Swimmingpool hat, das sei ihm gegönnt. Die Gefahr ist, dass sich dieses eine Prozent die Erde kaufen kann und wir irgendwann alle zu Sklaven werden. Dass diese Menschen ein Elitedenken entwickeln. Sie werden nicht an Demokratie interessiert sein. Wenn ich dann sehe, wie Frau Merkel und Herr Obama das TTIP beschlossen haben – und kalt lächelnd über 2 Millionen Unterschriften hinweggehen...

Was treibt Sie so unermüdlich an: Die Wut oder die Hoffnung?

Natürlich die Hoffnung. Dass sich etwas ändert. Und es hat sich auch schon etwas geändert. Man sagt immer so gerne, was sei denn durch politische Sänger, durch Proteste anders geworden? Aber man muss die Frage anders herum stellen. Was wäre gewesen, wenn es die Attac-Aktivisten, die protestieren, die Journalisten, die unabhängig recherchieren, die Sänger, die ihre Stimme erheben, nicht gäbe? Ich sehe mich darin selber als einen Mosaikstein.

Sie sind seit 40 Jahren Liedermacher. Was fällt Ihnen zu diesen Stichwörtern ein? Barocke Sinneslust.

Bayern.

Was ist für Sie klassisch?

Da kann ich nur an klassische Musik denken, an meine Lieblingskomponisten Mozart, Schubert und Puccini.

Sie Romantiker!

Ich bin durchaus ein Romantiker. Ich bekenne mich zur Frühromantik. Novalis forderte „die Poetisierung der Welt” - was für ein wunderschöner Gedanke! Wir brauchen mehr Poesie als Politik. Ist das nicht herrlich? Poesie kann man einfach nur wirken lassen.

Zwischen den Weltkriegen – und danach

Wir befinden uns danach und wir sollten alles tun, dass es nie wieder anders kommt. Es besteht durchaus eine gewisse Gefahr, dass wir uns wieder dazwischen befinden.

Ihr neues Album „Ohne Warum” erscheint am 19. Juni. Erzählen Sie davon.

Das Album hätte auch „Mystik und Widerstand” heißen können, das ist ein Buchtitel der von mir sehr geschätzten Dorothee Sölle. Eine mystische Deutung der Welt und politisches Engagement müssen sich nicht ausschließen.

Wie sind Sie eigentlich zum politischen Lied gekommen?

Es kam zu mir in der Form von „Willy”. (das Lied über Weckers von Neonazis erschlagenen Freund). Der Text brach in 10 Minuten aus mir heraus. Natürlich waren es auch die 70er Jahre, wo das politische Lied verbreitet war. Heute bin ich aber politisch viel informierter als früher. Ich habe Philosophie, Psychologie und Musik studiert, ich war kein Politologe. Heute bin ich durch die Recherchen für meine journalistischen Tätigkeiten viel informierter. Und mir stehen für meine Texte u.a. auf Facebook auch Politologen und Historiker beratend zur Seite.

Zurück zu Ihrem Konzert am 23. Juni im Burgtheater. „40 Jahre Wahnsinn”: Was erwartet die Besucher?

Sie erwartet eine musikalische Zeitreise, die Lieder der neuen CD und ein musikalischer Hochgenuss: ich habe tolle Musiker dabei.

Haben Sie eigentlich auch ein persönlichen Lieblingslied von sich?

(überlegt) Das ist unterschiedlich von Tour zu Tour. „Der alte Kaiser” ist aber sicherlich im Zusammenwirken von Text und Musik besonders gelungen.