Näher am Original geht’s nicht

Dinslaken..  Ludwig-Schlagzeug, Rickenbaker-Gitarre, ein Hohner-Bass für Linkshänder, Vox-Verstärker und Sennheiser-Mikrophone. Was an Equipment am Donnerstag auf der Bühne der Kathrin-Türks-Halle stand, beschleunigte nicht nur den Puls von Vintage-Liebhabern. Es war genau der Stoff aus dem historische Aufführungspraxis gemacht wird. Die verbindet man allgemein mit Musik älteren Datums. Aber die Kompositionen, die an diesem Abend mit dem Höchstmaß an Authentizität in Klang und Darbietung zum Leben erweckt wurden, sind wahrscheinlich längst als Höhepunkte der europäischen Liedkultur in die Musikgeschichte eingegangen.

The Cavern Beatles haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Musik der Beatles so original wie möglich auf die Bühne zu bringen. Aber diese Show einfach nur als Tribute-Projekt zu bezeichnen, würde der Qualität dieser vier Liverpooler (!) nicht gerecht werden. Hier stimmt einfach alles.

Es ist schon verrückt, bei einer Show mit Songs, die eine ganze Generation zum Toben brachte (mit Ausnahme natürlich der verschworenen Stones-Fans, denen es bis heute vergönnt ist, mit ihren gealterten Heroen abzurocken) „historische Aufführungspraxis“ heranzuziehen. Aber es ist leider wahr: die Beatles sind seit 45 Jahren Geschichte.

Wenn die vier Musiker aus Liverpool, die heute als Cavern Beatles auf der Bühne stehen, nicht nur die alten Bühnenoutfits und die ebenso adretten Ansagen von damals zitieren, sondern auch zum rumpelnden Minischlagzeug eines Drummers, der ohne Click im Ohr durch die Tempi schlingert, ihre Lieder spielen, ist das technisch gesehen weniger als das, was jede halbwegs brauchbare Schülerband heute bietet. Das Songmaterial jedoch ist bis heute eine Offenbarung.

Standing ovations und Smartphones

Die Beatles beherrschten Twist und Rock’n’Roll, erfanden die Beatmusik und, unter dem Einfluss von Drogen, indischer Spiritualität und neuen Aufnahmetechniken, sich und die Popmusik in der zweiten Hälfte der 60er Jahre neu.

The Cavern Beatles teilen ihr Programm stimmig in die Phasen des „roten“ und „blauen“ Albums.

Der Abend vor Sitzbestuhlung im halben Saal der Kathrin-Türks-Halle beginnt mit Paul McCartneys „When I saw her standing there“. Schließt man die Augen, glaubt man ein Bootleg aus den frühen 60ern zu hören, allerdings ohne die kreischenden Fans. Das Publikum in der Kathrin-Türks-Halle lässt sich von gepolsterten Sitzen ausbremsen, die Standing Ovations, mit denen es die Liverpooler zum Schluss feierte, hätten ruhig auch als begleitende „Beatlemania“ die ganze Zeit anhalten dürfen. Dafür läuft die Kamera von so manchem Smartphone mit: sichtbare Veränderungen der Konzertkultur.

Gelegenheit, wie in den 60er Jahren „crazy“ zu werden, gaben die Liverpooler, die vom legendären Cavern Club autorisiert sind, diesen Zusatz im Namen zu tragen, allemal. Ob beim gemeinsamen mehrstimmigen Gesang oder bei den Solonummern wie „Yesterday“, wenn der Mann an Klavier und Gitarre, dessen auch physische Ähnlichkeit mit John Lennon ans Unheimliche grenzt, den Clown mimt, der der echte Lennon halt auch war, oder wenn „Ringo“ auch mal singen darf. The Cavern Beatles haben die Eigenarten der Originale genauso drauf wie jede einzelne Phrasierung der Gesangstimmen.

Was vor allem die zweite Hälfte zu einem Erlebnis macht, das unter die Haut geht. Die Cavern Beatles reproduzieren die komplexen Meisterwerke von Sgt. Peppers live auf der Bühne, lassen das Publikum mit einer fantastischen Wiedergabe von „Strawberry Fields“ entschweben. Nach einer weiteren Umbaupause – die 40-Glühbirnen-Lichterorgel des ersten Teils ist schon lange hinter Nebel und bunten Mustern an der Hallenwand verschwunden – lässt „George“ alleine seine Gitarre weinen.

Nach zweieinhalb Stunden kreischt „Paul“ sein „Hey Jude“ zum „nananana“ des Publikums. Ob es wiederkommen will, fragt er Die Antwort ist ein kräftiges Ja!