Millionen Bilder einer Stadt

Dinslaken..  Die Zeche Lohberg leuchtet Besuchern den Weg zu Erwin Overbeck. Das Foto, von hinten angestrahlt, hängt im Wohnzimmerfenster des 60-Jährigen. Nur ein kleiner Vorgeschmack auf die vermutlich größte Sammlung alter Fotos aus Dinslaken, viele davon von der Zeche. Wie viele? Das kann Erwin Overbeck nur schätzen: „Eineinhalb Million bestimmt.“ Vielleicht auch viel mehr.

Alte Glasplatten, vergilbte Schwarz-weiß-Bilder und Abzüge in Postergröße stapeln sich auf Schränken, Regalen und Tisch des 60-Jährigen. Fast alle hat er eingescannt, dazu Dokumente, Bücher. Was für eine Arbeit! „Acht Terrabite“, sagt er, fassen die diversen Festplatten seines Computers, vollgepackt mit Fotos.

„Bw Lo“ – mit diesem Kürzel beginnen die meisten Dateien auf Overbecks Computer. Das Bergwerk – sein Leben. 40 Jahre war er Elektrovorarbeiter auf Lohberg. Als 2005 die Förderung eingestellt wurde, hat er noch den Verkauf mit abgewickelt. „Das war Leichenfledderei“, erinnert sich der 60-Jährige, „wie die anderen Bergwerke gekommen sind und alles mitgenommen haben.“

Aufgewachsen unterm Förderturm

Auf der anderen Seite „konnte ich so den ganzen Abriss fotografieren.“ Eine ganze Reihe melancholischer Aufnahmen sind so entstanden. Das Fotografieren ist neben dem Bergwerk Erwin Overbecks zweite große Leidenschaft. Seine Tante schenkte ihm als Kind den ersten Fotoapparat. „Den hatte man vor dem Bauch und schaute oben rein“, erinnert sich Overbeck. Und weil sein Nachbar Erwin Kollender – „ich bin in Bruckhausen groß geworden, also quasi unterm Förderturm“ – Werksfotograf auf Lohberg war, entdeckte Overbeck die Zeche als Motiv.

Was er selber nicht fotografieren konnte, weil es lange vor seiner Zeit lag, besorgte er sich oder bekam es geschenkt. Bilder der „neuen“ Lampenstube auf Lohberg von 1915/16, Fotos von Konrad Adenauer, der 1924, noch als Kölner Oberbürgermeister zu Besuch auf Lohberg war oder von Heinrich Lübke, der als Bundestagsabgeordneter des Kreises Dinslaken zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Den ersten Grubenlüfter von 1951 hat Overbeck ebenso im Bild wie Schäden durch den Krieg. Ein Luftbild, das die Bombenkrater rund um die Zeche nach 1945 zeigte, bekam er von der Financial Times.

Als dann Schacht 2 in den 50er Jahren neu gebaut wurde, hat jemand oben am Gerüst fotografiert, wie die Arbeiter die Nieten über Holzkohle erhitzten. „So, wie wir heute grillen“, lacht Overbeck und ruft das Bild auf. Das neue, größere Gerüst, weiß er, wurde über dem alten Schacht gebaut — „die Produktion musste ja weitergehen.“ Das Foto des letzten Grubenpferdes, das am Förderkorb hängend ans Tageslicht gebracht wurde, brachte Overbeck auf einer Facebook-Plattform mächtig Ärger ein. „Dabei haben wir die nun einmal so hochgeholt.“

Auch eine Kopie des zweiten Gästebuchs der Zeche hat der Sammler. Von 1990 bis zur Schließung des Bergwerks – trotz der solidarischen Grüße, die Gewerkschafter und Politiker darin hinterließen. Johannes Rau und Wolfgang Clement beim Besuch der Mahnwache 1997, der Vorstand der IGBCE, der den Kumpels in Lohberg schriftlich wünscht, „dass ihr die nötige Kraft habt, den Konflikt zu lösen.“ Das erste Gästebuch, bedauert Overbeck, „ist verschollen“ — mitsamt dem Eintrag von Adenauer aber auch von Nazigrößen wie Goebbels.

Besuch im Seniorenheim

Viele Bilder bekommt Overbeck geschenkt. „Wenn Großeltern sterben, wissen die Enkel oft nicht, wohin mit den alten Fotos.“ Viele wissen aber, dass er, Erwin Overbeck, sie sammelt. So kam er zu unzähligen Stadtansichten aus Dinslaken: der Altmarkt mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal, Frauen, die ihre Wäsche im Rotbach waschen, eine der ersten Kirmessen in Dinslaken-Hiesfeld. Oft nimmt er Fotos mit ins Altersheim. „Die Leute blühen dort richtig auf“ – und helfen Overbeck mit ihren Erinnerungen, das Bild einzuordnen. Viele Fotos hat er auch auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht: Gruppenfotos vieler Ausbildungsjahrgänge auf Lohberg etwa. Wenn sich jemand erkennt, bekommt er eine Kopie des Bildes.

Im Verlaufe des Winters, hat sich Overbeck überlegt, will er die Sammlung vielleicht katalogisieren. Dann hätte er fast die gesamte Geschichte der Zeche Lohberg im Bild – vom Bau bis zum Abriss von Schacht 1. Denn den hat Overbeck ebenso fotografiert wie die aktuelle Entkernung von Schacht 2. Eben jenes Fördergerüsts, das auch in seinem Fenster leuchtet.