Malmsheimer holt sein Publikum ins Trockene

Im ersten Teil saß das Publikum bei Jochen Malmsheimers Auftritt im Burgtheater noch im Regen, in der Pause holte der Kabarettist seine Fans unter das Bühendach.
Im ersten Teil saß das Publikum bei Jochen Malmsheimers Auftritt im Burgtheater noch im Regen, in der Pause holte der Kabarettist seine Fans unter das Bühendach.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Kabarettist trotzte dem strömenden Regen, indem er kurzerhand die Zuschauer auf der Bühne Platz nehmen ließ. Eine Sternstunde des Kabaretts im Burgtheater.

Dinslaken..  Es gibt sie, diese einmaligen, unverwechselbaren Fantastivalmomente, von denen noch nach Jahren gesprochen wird. Meistens haben sie etwas mit dem Wetter zu tun, wie das legendäre Unwetter bei der Sommernacht des Musicals. Oder mit der Turmuhr von St. Vincentius, die für Götz Alsmann zum festen Programmpunkt wurde. Jochen Malmsheimer gelang es bei seinem ersten Auftritt im Fantastival am Montag, sich gleich beide Eigenheiten der Open Air-Spielstätte anzueignen: Ein unvergesslicher Abend. „Es war mir eine Freude, unter Kreuzfahrtbedingungen auf dem Achterdeck der MS Dinslaken“, verabschiedetet sich Malms-heimer strahlend nach einem Kabarettabend, an dem so mancher Schiffbruch erlitten hätte. Schon seit Jahren sei er ein Wunschkandidat gewesen, so Aufsichtsratsmitglied Birgit Vengels-Heinser, aber immer hätte seine Urlaubsplanung einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dieses Jahr klappte es endlich und der Zuschauerzuspruch war im Vorfeld so groß, dass man vom Burginnenhof auf das Burgtheater wechselte. Und dann das: 800 Zuschauer im strömenden Regen. „Es ist fast komisch, dass ich jetzt Wasser trinke“, witzelte er Malmsheimer noch zu Beginn.

Nach der Pause allerdings nahm er die Wetterregie Petrus aus der Hand und lud das durchnässte Publikum auf die trockene Bühne ein. Fast alle fanden zu seinen Füßen Platz. Kabarett hautnah und ein Bild, das äußerst gelungen mit Malmsheimer Szenario der Krabbelgruppe im Waldorf-Kindergarten korrespondierte. Denn eigentlich ging es an diesem Abend ums Kinderkriegen und dessen unmittelbaren Folgen. „Halt mal Schatz“, so der Titel von Buch und Programm, mag jener Satz sein, mit dem frischgebackene Väter ihren Spross zurück zur Mutter geben und mit der so wiedergewonnenen Armfreiheit sich noch ein letztes Mal der Illusion hingeben, weiterhin ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Aber die Realität ist eine andere und lehrt schnell, dass dem unmännlichen Muhen des Mannes im Schwangerschaftskurs weitere Demütigungen in Form sinnloser Bastelbeschäftigungen, betonharter Dinkelkekse und anrüchiger Windelunfälle erwarten werden, bis er irgendwann im Campingurlaub in einem Zelt aus der Zeit der Kreuzritter unter Stangen und Planen begraben wird und die kommenden Jahrzehnte darauf verwendet, sich durchs Erdinnere in eine neue Freiheit zu graben.

Für letztere Ausführung erhält Malmsheimer Szenenapplaus: Wird doch das Bild der verkanteten Zeltstangen selbst zur Metapher der Sprache, mit der der Kabarettist verschüttete und fast vergessene Wortschöpfungen in knorrigen Satzkonstruktionen verschachtelt. Allein der Klang von Malmsheimers Fabulierkunst macht den Abend zum linguistischen Genuss.

Und dann improvisiert er an dem Satz „Mit Rumpeln denkt die Mutter“ „ich habe das Gefühl, gerade läutet es“. Die Turmuhr von St. Vincentius schlägt für Jochen Malms-heimer Viertel vor Zehn. Eine Sternstunde im Fantastival.