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Hörgenuss

Klangkörper und Musik im Fluss

05.09.2010 | 17:13 Uhr

Dinslaken. Ein Klang schwingt sich ein, zunächst kaum hörbar. Das Ohr nimmt ihn auf, die Wahrnehmung erkennt einen Ton in zuzuordnender Höhe. Doch dies ist nur ein Teil des Klanges.

Mit dem bewusst wahrgenommenen Ton schwingt viel mehr mit. Weitere Schallwellen treffen auf den Körper, versetzen ihn von Kopf bis Fuß in kaum merkliche Bewegung. Die Schwingung des Schallkörpers findet ihren Widerhall im Menschen. Als Klangfarben oder manchmal auch spürbares  Kribbeln im Nacken. Das Meditative Klangkonzert in der evangelischen Stadtkirche am Samstagabend führte das Erlebnis des Hörens auf tiefste und einfachste Grunderfahrungen zurück. Keine leichte Übung. Wir sind es gewohnt, Klänge und Töne fertig angerichtet als strukturiertes Zusammenwirken von Rhythmen und Melodien in Folge oder in harmonischer Gleichzeitigkeit zu hören. Musik, keine Esoterik. Nicht alle, die zum Konzert von Pit Gudermann gekommen waren, blieben bis zum Ende. Dabei zeichnete der Klangkünstler aus Kempen seinen eigenen musikalischen Weg hin zur Klangwelt der Gongs und tibetischen Klangschalen. Er begann mit der Gitarre in der Hand: „Hotel California“ mit deutscher Übersetzung, „Besame mucho“, wie er es von einer spanischen Freundin gelernt hat, ein selbst verfasstes Liebeslied für diese Frau, mit der er nicht zusammen kam. Handgemachte Musik, altbekannte Akkordfolgen. Was hört man? Das Holz der Bänke in der Stadtkirche knackt. Ein kurzer, harscher Krach, der in der Akustik des Raumes widerhallt. Wie laut sich die Spannung der aneinander gepressten Bretter entlädt, wenn es fast still ist. Draußen auf der Duisburger Straße gehen Passanten vorbei. Ihre Stimmen werden lauter, stören, verklingen. Pit Gudermann erzeugt mit seinen Gongs und Klangschalen nicht den Klang der Stille. Es sind minimalistische Laute, die die Wahrnehmung schärfen. Sie schweben herein aus dem Nichts und entschwinden. Manchmal muss das Ohr erst die Frequenzen suchen. Achtzehn asiatische Gongs hat Gudermann in der Kirche aufgebaut, auf dem Boden davor Klangschalen in allen Größen, eine Steeldrum. Er entlockt ihnen perkussive Klänge oder er bringt das Metall durch Reibung in Schwingung. Die singenden bis dröhnenden Klänge, die so entstehen, scheinen nicht von dieser Welt zu sein. Sphärenklänge: Pythagoras glaubte, das die Bewegung der Planeten auf ihren Bahnen im Verhältnis zueinander hörbar sein müsste. Die Klänge der gewaltigen Gongs in der Kirche überlagern sich, bedingen sich untereinander. Gudermann trägt eine Messingschale auf erhobenen Händen durch die Kirche. Darin scheint ihr Klang zu schwimmen wie in einem kostbaren Gefäß. Gong und Schale als schwingende, in sich ruhende Klangkörper. Dem gegenüber steht die Idee von Musik als bewegter Fluss. Gudermann spielt auf der chinesischen Harfe Guszheng. Rasche, fließende Tonfolgen, die einzelnen Klänge, durch das Anzupfen der Saiten stets einzeln wahrnehmbar, verschwimmen in ihrer Vielzahl. Ein plätscherndes Auf und Ab der Melodien, manchmal auf der Stelle verharrend wie ein Tremolo auf der Mandoline. Dann geht es zurück zu den sphärischen Klängen der Gongs und Schalen, die das Bewusstsein nur wahrnimmt, weil sie im Widerhall den eigenen Körper zum Klangkörper werden lassen.

Bettina Schack

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