Kein Geschrei um Mindestlohn

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Was wir bereits wissen
Seit dem 1. Januar 2015 ist die Regelung eingeführt. Entlassungen sind weder dem DGB noch dem Einzelhandelsverband bekannt.

Dinslaken/Voerde/Hünxe..  Von Massenentlassungen, sterbenden Dienstleistungs- und Berufszweigen war im Vorfeld die Rede. 8,50 Euro Mindestlohn würde die Arbeitgeber an den Rand des Existenzminimums bringen oder gar darüber hinaus. Seit dem 1. Januar 2015 ist der gesetzliche Mindestlohn eingeführt. Die Horrorszenarien aber blieben aus. Alles im grünen Bereich? Es scheint so, hört man sich bei den Verbänden um.

Mark Rosendahl, Gewerkschaftssekretär des DGB Niederrhein, weiß, dass die „große Mehrheit der Bevölkerung den Mindestlohn akzeptiert“. Denn „8,50 Euro Stundenlohn, das weiß jeder, ist noch kein guter Lohn, von dem man leben kann“, so Rosendahl. Von Entlassungen in den Betrieben aufgrund des Mindestlohnes sei ihm nichts bekannt. Wohl aber von Preissteigerungen, die den Mindestlohn für den Arbeitgeber ausgleichen sollen, wie bei den Friseuren und Taxiunternehmen. „Aber auch diese Preissteigerungen stoßen durchweg auf Verständnis bei den Kunden.“

Der vielfach beklagte enorme bürokratische Aufwand ist aus Sicht Rosendahls nur ein „vorgeschobenes Argument, um Ausbeutung zu ummanteln“. „Die Arbeitszeiterfassung in Betrieben ist ohnehin vorgeschrieben. Da hält sich der Mehraufwand in Grenzen, wenn es ihn überhaupt gibt. Und von großen Betrieben sind mir auch keine derartigen Klagen bekannt.“ Bei den Minijobbern könnte die Sache jedoch anders aussehen. Doch da sei eine Arbeitszeiterfassung aus Sicht der Gewerkschaft ja nur positiv zu bewerten.

Ähnliche Erfahrungen macht Wilhelm Bommann vom Einzelhandelsverband. „Große Freisetzungen sind nicht festzustellen“, so Bommann. Hier und da setzte man sicherlich Mitarbeiter um. Bommann nennt ein Beispiel. „Da gibt es den Supermarkt, der bislang einen Rentner für Säuberungsaktionen rund um den Laden beschäftigte. Der hielt die Gartenanlage in Ordnung. Das fällt heute weg oder aber der Rentner wird heute noch mit anderen Arbeiten beauftragt.“ Aber dies seien Einzelfälle. Für die Beschäftigten selber habe sich eigentlich nichts verschlechtert, für weniger Arbeitszeit gebe es jetzt den gleichen Lohn.

Und was den bürokratischen Aufwand betrifft, da gebe es zwei Reaktionen: Die größeren Geschäfte und Filialisten betreffe es nicht, eine Zeiterfassung sei schon vorher Pflicht gewesen, andere hingegen bemängelten den hohen bürokratischen Aufwand.

Auch für Michael Dickmann vom Taxiverband hat sich beim Abrechnungsaufwand nicht viel verändert. „Wir machen alles digital, da hält sich der Aufwand in Grenzen.“ Von Kollegen aber, die alles noch per Hand bearbeiten, weiß er von großem Aufwand zu berichten. „So zwei Stunden pro Mitarbeiter und Monat Mehrarbeit kommen da schon zusammen.“ Mit Einführung des Mindestlohnes wurden bei den Taxiunternehmen bundesweit die Fahrtkosten erhöht. Gab es da Stress mit Kunden oder gar weniger Fahrten? „Das kann ich heute noch nicht realistisch beurteilen. Wir sind ja zeitverzögert angefangen, haben also noch keine verlässlichen Werte. Wirklich vergleichen kann man das erst in einem halben Jahr.“ Seinem Gefühl nach haben sich die Fahrten lediglich verlagert, aber nicht verringert. „Das muss sich erst noch einspielen, bevor man abschließend Auskunft geben kann.“

Einen Verdienstverlust beklagen manche Fahrer – wie kann es dazu kommen? „Es werden weniger Schichten gefahren, je nach Fahrer ein bis zwei pro Woche“, so Dickmann. Das aber mache den Verlust nicht aus, dafür gebe es ja mehr Geld. Doch das Trinkgeld fällt weg, das könnten durchaus pro Schicht schon mal 30 Euro sein. Mit der Preissteigerung sei ebenfalls ein Rückgang des Trinkgeldes zu verzeichnen. „Das kann größere Ausmaße annehmen“, so Dickmann.