Heldenbariton und Koloratursopran

Dinslaken..  Er war der Starkomponist am Hofe Friedrich II.: Carl Heinrich Graun (1704 - 1759). Populär für seine Opern und bis ins 19. Jahrhundert bekannt für seine Passionskantate „Der Tod Jesu“. Carl Philipp Emanuel Bach stand als Cembalist am Hofe derart im Schatten Grauns, dass der Bachsohn froh war, als er nach Hamburg wechseln konnte. Und es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Vater von C.P.E., Johann Sebastian Bach, Grauns jährlich zu Karfreitag aufgeführtes Werk in der Singakademie Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert mit seiner von Felix Mendelssohn neu entdeckten „Matthäuspassion“ verdrängen konnte.

Eine kleine Graun-Renaissance

In den vergangenen Jahren gab es im Zuge des Interesses an barocker Musik in historischer Aufführungspraxis auch eine kleine Graun-Renaissance. Und am Sonntag, 1. März, um 18 Uhr führt der Madrigalchor unter der Leitung von Christoph Scholz Grauns Passionskantate „Der Tod Jesu“ in der Kirche St. Johannes in Eppinghoven auf.

Begleitet wird der Chor einmal mehr von Mitgliedern der Capella 94 auf historischen Instrumenten, Solisten sind Dorothee Wohlgemuth (Sopran), Wolfgang Klose (Tenor) und Harald Martini (Bariton).

„Der Tod Jesu“ wurde 1755 uraufgeführt. Nicht in einer Kirche, sondern im Konzertsaal. Ein Hinweis auf den Charakter des Werkes. Carl Heinrich Graun vertonte nicht das Neue Testament im Wortlaut. Carl Wilhelm Ramler (1725 - 1798) zeigt Jesus als einen Menschen, mit dem man mitleiden kann. Auch kann man nicht einfach passiv erwarten, Gnade zu empfangen: Die Texte sollen anregen, mitfühlend Gutes zu tun. Diese Empathie im Geist der Aufklärung findet sich auch in der Musik: Wie Carl Philipp Emanuel Bach ist Graun ein Vertreter des so genannten empfindsamen Stils.

Die Sängerinnen und Sänger des Madrigalchors betraten mit dem „Tod Jesu“ Neuland, kaum einer von ihnen habe zuvor von Graun gehört, so Theo Güldenberg.

Christoph Scholz dagegen hat die Passionskantate bereits vor 20 Jahren einmal aufgeführt: Zu einer Zeit, als die Noten des fast vergessenen Werkes noch nicht wieder in gedruckter Form zugänglich waren und es keine CD-Einspielung des „Tod Jesu“ gab. Wie lange das Stück dauern werde? Scholz konnte nur schätzen. Für die Aufführung am 1. März hat er das Notenmaterial auf eineinhalb Stunden Länge gestrafft.

Für seine Opern berühmt

Aber was für 90 Minuten erwarten die Liebhaber vorklassischer Musik! Graun war für seine Opern berühmt. „Das merkt man dem Stück schon allein in den Rezitativen an“, so Scholz. Gekonnt und geübt seien sie, vor allem ausdrucksstark.

Friedhelm Krupp schwärmt vor allem von den Koloratur-Arien des Soprans. Nur Baritone zucken vor dem Werk ein wenig zusammen: Graun verlangt von diesen nämlich ungewohnte Höhen: „Heldenbariton und Koloratur-Sopran“, erklärt Christoph Scholz, „da gibt es richtig Zunder“.

100 Jahre hielt die erste Begeisterung über die Passionskantate an. Jetzt findet das eingängige Werk ins Chorrepertoire zurück. Für den Madrigalchor unter der Leitung von Christoph Scholz eine Premiere, bevor im Dezember das Magnifikat von Carl Philip Emanuel Bach auf dem Programm steht.