Hängen im Schacht
26.06.2008 | 18:11 Uhr 2008-06-26T18:11:05+0200BERGBAU. Seit gestern stehen auch unter Voerde die Maschinen still. Was einmal mit dem Gelände in Löhnen geschehen wird, weiß man bei der RAG nicht. Es gehört zwei Privateigentümern.
VOERDE. Die "Medien-Meute" steht bereit, Kameras, Mikrofone und Kugelschreiber im Anschlag. Sie wartet auf den Förderkorb, der eine aussterbende Spezies zurückbringt auf den überirdischen Boden der Tatsachen. Der Förderkorb öffnet sich. Die Männer der Frühschicht des Bergwerks Walsum stömen heraus. Das Blitzlichtgewitter haben sie nicht erwartet; man hatte sie nicht vorgewarnt. Man merkt: Sie sind genervt. Sie wollen nur eines: weg, in die Kaue, unter die Dusche, nach Hause. Die Offiziellen des Bergwerks holen einige von ihnen zurück - für "O-Töne", Worte der persönlichen Betroffenheit, ins Mikro gesprochen, in den Block diktiert. Schauplatz: Schacht Voerde, wo gestern inoffiziell "Schicht" war. Offizielles Datum der Schließung ist der 30. Juni.
Das Ende nach 21 Jahren
Der erste Satz der RAG-Pressemitteilung zu dem sicherlich geschichtlichen Ereignis klingt eher unspektakulär: "Heute werden die untertägigen Gewinnungsmaschinen endgültig abgestellt." Kohle gefördert wurde schon seit Mitte Juni nicht mehr. Mit 1,36 Millionen Tonnen war das Ziel des letzten Halbjahres da schon erreicht. Mit dem 26. Juni sei der Stilllegungsbeschluss vom 15. Dezember 2005, die so genannte "Walsumer Verständigung", umgesetzt, gab Hans-Dieter Kollecker, letzter Werksleiter "auf Walsum", zu Protokoll. Das Aus nach 69 Jahren und geförderten rund 159 Millionen Tonnen Kraftwerkskohle.
Das Gros der letzten Förderung stammt aus den zwei Revieren unterm Voerder Stadtgebiet: LK-87 und G-91, unter der Mommniederung zwischen Löhnen und Spellen. Daneben gab es zuletzt noch ein Abbaugebiet unter der Rheinaue bei Alt-Walsum. Die Voerder Anlagen waren seit 1987 quasi der "Nordschacht" des 1939 in Betrieb gegangenen Bergwerks.
15 Prozent der Belegschaft aus Dinslaken und Voerde
Wenn am Montag endgültig Schluss ist, zählt das Bergwerk noch 1375 Beschäftigte, fast 600 weniger als zu Jahresbeginn (zum Vergleich: 1990 waren es 4118). In diesem Jahr werden noch 1210 Leute verlegt, zum Bergwerk West (Kamp-Lintfort), nach Prosper Haniel (Bottrop) oder Auguste Victoria (Recklinghausen).
Auch für andere ist gesorgt. 230 Kumpel scheiden aus, zum Teil in den Ruhestand, zum Teil in andere Berufe. Für viele sei dies nicht der erste Wechsel; sie brächten es auf zwei oder drei, sagte Personalchef Peter Blaszyk gestern.
Rein beschäftigungstechnisch betrachtet, ist die Walsumer Schließung für unsere Region nicht der Super-Gau: Nur sechs Prozent der Belegschaft kommen aus Dinslaken, neun Prozent aus Voerde. Etliche von ihnen waren bis Ende 2005 auf Lohberg tätig.
Bitter ist das Aus eher für den regionalen Ausbildungsmarkt. Von 550 Lehrlingen (2005) werden im Januar 2009 noch 16 ihre Ausbildung in Walsum beenden. Andere bekommen dazu auf Prosper und Auguste Victoria Gelegenheit.
Erst einmal bleibt nur ein Hügel
Bis Ende Dezember werden noch 494 Bergleute den Betrieb unter Tage "abwickeln". Alles Bewegliche wird dabei zu Tage gefördert. Dann übernimmt die Montan Grundstücks-Gesellschaft (MGG) das Regiment. Mit der Verfüllung des Schachtes Voerde wolle man Ende des ersten Quartals 2009 durch sein, so der Werksmarkscheider Karl-Heinz Reinartz. In Löhnen werden sämtliche Übertage-Anlagen abgebaut.
Was auf dem Grund und Boden geschehen werde, weiß Reinartz nicht. Denn das Areal habe die RAG von zwei Privateigentümern gepachtet. Übrig bleibe erst einmal ein Erdhügel, die Warft, die in den 80er Jahren angeschüttet wurde, damit der Schacht bei Rheinhochwasser nicht "absäuft".
Anders läuft es in Walsum: Während das Übertage-Gelände dort an die Evonik AG verkauft ist, werden die Schächte 1 und 2 künftig der Wasserhaltung dienen.
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