Grenzenlose Klangwelten

Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi

Dinslaken..  Der eine ist Deutscher, den es rund um den Globus zieht, der andere Schotte, der seit 30 Jahren in Berlin lebt. Gemeinsam erschaffen sie mit Akkordeon und Gitarre eine Welt, die so bunt und reich an Stimmungen ist wie die Flecken der Erde, die sie erkundet haben. Am Freitag kamen Manfred Leuchter und Ian Melrose nach Lohberg ins Ledigenheim, um dort das Publikum der Jazz Initiative mit in ihre musikalische Landschaften zu nehmen. „Kein schöner Land“ heißt eines der Alben des Duos Leuchter/Melrose. Kein schöner Land als ihr musikalisches an diesem Abend weit und breit.

Es ist ein Land, in dem sich Okzident und Orient berühren, gegenseitig bereichern. Wo sonst könnte ein Dromedar ein Reel tanzen? Alphonse I., das „niedliche Tierchen“, das Manfred Leuchter tatsächlich sein eigen nannte, als er für acht Jahre in Marokko lebte, beeinflusste den Akkordeonisten und Komponisten wie die gerade begonnene Freundschaft zu Ian Melrose, dem Finger-Picking Spezialisten aus Schottland, der in der Akustik-Gitarren-Szene wie durch seine Zusammenarbeit mit Clannad in der Celtic-Szene hochgeschätzt ist. Im „Reel D’Alphonse“ hört man das Dromedar förmlich schnarchen, bis es von den munteren Klängen der Gitarre geweckt wird. Überhaupt, was Leuchter an Tönen aus seinem Akkordeon heraus holt, verblüfft immer wieder aufs Neue: Das wuchtige Instrument kann sogar zwitschern wie ein Vögelein.

Nun weicht das, was die Augen sehen und das, was die Ohren hören, bei einem Konzert von Leuchter / Melrose ohnehin sehr weit voneinander ab. Manfred Leuchter, der kräftige Glatzkopf mit dem Akkordeon und Ian Melrose, der stille Gitarrist mit Brille und Bart, sitzen ruhig auf ihren Stühlen und bewegen die Finger. Manchmal schlägt Leuchter noch den Takt mit dem rechten Fuß dazu. Dann klimpern die Zimbeln an seine Schuh rhythmisch zur Musik.

Eine komplette Band

Aber was hört man? Ein Duo? Manchmal. Manchmal auch nur eine Solostimme, wenn Ian Melrose die Low Whistle spielt. Ein Quintett? Schon häufiger. Ian Melrose gehört zu den Gitarren-Virtuosen, die mit zwei mal vier Fingern im Einsatz Bass, Begleitung und Melodie gleichzeitig spielen können. Addiert man Leuchters Hände auf Tastatur und Knöpfen des Akkordeons und die Zimbeln an seinem rechten Schuh dazu, kommt man auf fünf Stimmen plus Percussion: eine komplette Band. Mehr als genug, nicht nur für arabische und keltische Melodien, sondern für komplexe Klangbilder. In Ungarn erstarrt die Musik im Schnee, in Berlin wird afrikanisch getrommelt, die Freundin in Indien liebt Tango und Ramallah sprüht vor Lebensfreude.

Und dann, als Höhepunkt all dieser Musik, die die ganze Welt hervorgebracht hat, Bach. Johann Sebastian, Goldbergvariationen und „Jesus bleibet meine Freude“. Welche Verneigung vor dem Meister des Kontrapunktes.

Doch bald ist der Moment erreicht, der Manfred Leuchter immer am schwersten fällt: Das Abschied nehmen. Er kompensiert es mit dem Komponieren von Abschiedsliedern. Und dem Spielen von weiteren Zugaben an der Seite des eigentlich grippekranken Ian Melrose. Das Publikum dankt beiden mit stehenden Ovationen.