Gefilmt und geortet

Die Menschen und der Monitor: Im System des fiktiven Staates Ozeanien hat jeder seinen Platz. Das Burghofbühnen-Ensemble probt 1984 in der Remise.
Die Menschen und der Monitor: Im System des fiktiven Staates Ozeanien hat jeder seinen Platz. Das Burghofbühnen-Ensemble probt 1984 in der Remise.
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Was wir bereits wissen
Hat uns „1984“ eingeholt? Ein Gespräch mit dem Burghofbühnen-Ensemble während der Probenarbeit

Dinslaken..  Kniebeugen im Taktschlag eines Metronoms. Gleichgeschaltet, roboterhaft. Auf zwei Ebenen verteilt stehen Lara Christine Schmidt, Christoph Bahr und Benedikt Thönes in der Kulisse von „1984“ und bewegen sich wie die Teile eines mechanischen Uhrwerks. Eine Szene wie aus Fritz Langs „Metropolis“, allerdings mit Ton: Ihren Text sprechen die Burghofbühnenschauspieler im Chor. „Es ist schön zu sehen, dass es gehen kann“, kommentiert Intendant Mirko Schomberg die schweißtreibende Leistung – und lässt sein Ensemble die Szene wiederholen. Carlo Sohn hat es als Winston Smith in der Bühnenadaption von George Orwells düsterer Zukunftsvision noch ärger getroffen. Er keucht seinen Text in das Mikrofon, über dem er seine Liegestütze macht. Die Schauspielerei ist kein Spiel, sondern harte Arbeit. Und Mirko Schombert verlangt seinem Ensemble in seiner ersten Regiearbeit für das Landestheater offensichtlich auch körperlich viel ab.

Szenenwechsel. Erwin Kleinwechter, von Schombert als „beliebtes Urgestein“ als Gastschauspieler in der Rolle des Charringtons nach Dinslaken zurückgeholt, ruft zum „Zwei-Minuten-Hass“ auf, Benedikt Thönes übernimmt den Part des Goldsteins, der sich gegen die allgegenwärtige Überwachung des fiktiven Staates Ozeanien wehrt. Das Volk entlädt auf den „Hetzer“ seinen Hass. Aber wie spricht er zu jenen, die er nicht überzeugen kann? Ruhig, überlegen? Mirko Schombert zieht Sigmar Gabriel zum Vergleich an. Tipps für die Darstellung der Fiktion aus der realen Welt. Aber wieweit hat diese Welt nicht „1984“ bereits eingeholt?

Julia Kämpf schaltet die Handkamera aus, das Ensemble unterbricht die Probenarbeit in der Remise im Tenterhof zum Gespräch über Orwells Vision und die Überwachungen im öffentlichen und virtuellen Raum 2015. „Man ist gläsern geworden“, sagt Carlo Sohn. Der Big Brother ist für ihn und seine Schauspielkollegen allerdings nicht eine staatliche Macht, sondern die Wirtschaft.

Die Kamera abgeklebt

Wie wir im Internet durchleuchtet werden, sehen wir an der Werbung, die wir auf unseren Bildschirmen eingeblendet bekommen“, bestätigt Lara Christine Schmidt. „Vieles von 1984 ist Realität geworden, doch mit dem Unterschied, dass wir uns ihm freiwillig aussetzen“, so Mirko Schombert. Aber würden die Schauspieler für sich den Stecker ziehen? Sie gehören zu einer Generation, die 1984 noch nicht geboren war, die den Roman kaum und die Diskussionen der 80er Jahre über Datenschutz nur vom Hörensagen kennt. Christophs Bahrs Freundin hat die Webcam in ihrem Laptop abgeklebt, das ist sicherer als jeder Virenschutz. Carlo Sohn schaltete die Ortungsfunktionen seines Smartphones ab: „Bis ich die Wetterapp nutzen wollte.“

Eine freiwilliger Ausstieg aus mobilem Telefonieren und den sozialen Medien? „Was machst du, wenn deine Freunde bei Facebook sind und dein Arbeitgeber Erreichbarkeit per Handy verlangt?“, fragt Benedikt Thönes.

Orwell beschreibt in „1984“ die totale Überwachung, der „Big Brother“ ist jedoch nicht die Wirtschaft, sondern ein totalitäres Regime. Dies entsprach dem Geist der Zeit 1948, zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus. Heute sind Überwachungskameras allgegenwärtig. Und legen im Gespräch unterschiedliche Positionen zwischen den Generationen offen. „Das macht aus Terrorschutz Sinn“, meint Carlo Sohn.

Mirko Schombert sieht die staatliche Datensammlungen kritischer, führt das Beispiel Lkw-Maut und Verbrechensbekämpfung an. Und er bringt noch einen anderen Aspekt der Gleichschaltung in „1984“ in die Diskussion ein: die Sprache.

„Friedensmissionen, Kollateralschaden, auch solche Wörter beeinflussen unsere Wahrnehmung. 1984 zeigt einen Staat, der seine Bürger formen will. Dies ist ein Thema, das aktuell bleibt.“ Aktuell wie die Liebe: auch das ein Thema von „1984“. „Liebe ist möglich, aber mit Risiko belastet“, sagt Carlo Sohn. „Aber welche politische Funktion hat die Liebe“, hält Schombert dagegen.“

Fiktion und Realität. Christoph Bahr zieht eine ernüchternde Bilanz: „Letztendlich geht es nur um Macht. Das wird es immer geben.“