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Krankenhausserie

„Es geht mehr schief als man denkt“

31.07.2012 | 20:20 Uhr
„Es geht mehr schief als man denkt“
Heute überwacht der Anästhesist mit modernen Geräten die Vitalfunktionen der Patienten wie hier im St. Vinzenz-Hospital. Foto: Birgit Gargitter

Dinslaken.   In unserer Serie „100 Jahre Krankenhäuser in Dinslaken“ geht es um das Thema Narkose und die Patientensicherheit in der Medizin. Prof. Dr. Ralf Scherer, Chefarzt der Anästhesie, gibt einen Rückblick auf die Geschichte der Narkose. Und wir erläutern, was „Narkose“ eigentlich bedeutet.

„Es geht mehr schief als man denkt.“ – Eine der ersten Sätze von Prof. Dr. Ralf Scherer, Chefarzt der Anästhesie am Evangelischen Krankenhaus, lässt die Besucher seines Vortrages „100 Jahre Narkose – Schmerzfreiheit und Patientensicherheit in der modernen Anästhesie und Intensivmedizin“ aufhorchen. Und der Mediziner kann nun sicher sein, dass ihm jeder aufmerksam zuhören wird.

100 Jahre Narkose, solange gebe es sie noch gar nicht, so der Chefarzt weiter. Einen Rückblick auf die Geschichte der Narkose lässt er allerdings den Besuchern in der Caféteria dennoch zuteil werden. Narkosen wurden früher, so erzählt er, von Chirurgen durchgeführt und von gut geschultem Personal betreut. Jahrhunderte lang konnten chirurgische Eingriffe nur in äußersten Notsituationen durchgeführt werden, denn das Schmerzempfinden während der Operation wurde nur teilweise ausgeschaltet. Man verabreichte den Patienten z.B. Pflanzenextrakte. Alraune, Schlafmohn (Opium), Schierling, Efeu sind aus frühesten Zeiten bekannt. 1806 gelang es Friedrich Sertüner, das Morphin aus dem Opium zu isolieren. 1917 probierte er es an drei Hunden, drei Jungen, einer Maus und schließlich sich selbst aus – in dieser Reihenfolge. Ein englischer Kollege nahm als Versuchsobjekt seine Frau, die daran verstarb. Aus dem Morphin wiederum wurde Heroin gewonnen, das früher übrigens als Schmerzmittel frei in den Apotheken verkäuflich war.

Ein altes Narkosegerät in der Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen des Evangelischen Krankenhauses. Foto: Birgit Gargitter

Inzwischen haben sich die Anästhetika verbessert, gottlob, denn selbst bei der Gabe von Äther und Chloroform starben die Patienten den Ärzten weg, da man den Zusammenhang mit der flacher werdenden Atmung und dem sinkenden Blutdruck nicht erkannte. Erst um 1900 wurden die ersten Tropfapparate zur genauen Dosierung von Äther und Chloroform hergestellt, inzwischen hatte man auch erkannt, dass Sauerstoff zugeführt werden musste. Erfunden hat die Apparate übrigens eine Firma, die ansonsten Tauchzubehör herstellte. Glück für die Firma, die heute noch führend auf dem Gebiet produziert.

Heute werden modernste Apparaturen eingesetzt, an denen der Anästhesist die Vitalfunktionen des Patienten überwachen kann, wie Pulswelle, Herzschlag, Blutdruck, Sauerstoffzufuhr. Er sieht wie die Narkose auf Atmung und Kreislauf wirkt. Ein zweites Gerät überprüft den Kohlendioxid- und Sauerstoffgehalt, auch die Narkosetiefe ist ablesbar.

„Die Patienten haben oft Angst davor, während der Operation wachzuwerden, oder dass die Narkose erst gar nicht wirkt“, so Scherer. Anhand der Hirnströme kann der Arzt die Narkosetiefe feststellen und entsprechend reagieren. Dennoch ist das keine 100-prozentige Sicherheit. „Laut EEG war der Patient im absoluten Tiefschlaf, dennoch konnte er uns später sagen, was bei der OP besprochen wurde“, erzählt Scherer von ihm bekannten Fällen.

Ein OP-Saal mit Narkosegerät aus den Anfängen des Krankenhauses.

Gute Monitore, modernste Apparaturen, gute Medikamente, eine richtige Untersuchung und die Beobachtung reichen nicht aus für die Sicherheit der Patienten. Das Verhalten des Menschen sei wichtig, so Scherer. Das des Patienten selber, aber auch des Fachpersonals, der Ärzte, Pfleger, Therapeuten. Ähnlich eines Pilotenchecks vor dem Abflug, müssten sich auch Ärzte und Pflegepersonal immer die Frage stellen: Was droht an Unheil, und wie kann ich es verhindern? „Viele Sicherheitsaspekte aus der Raum- und Luftfahrt sind übernommen worden“, so Scherer. Wie die Piloten Gefahrensituationen im Simulator erprobten, werden auch Ärzte und Pfleger fortgebildet. Anhand einer Simulationspuppe könnten Notfälle geübt werden, indem man mehrere Krankheitssituationen kombiniert auftreten lässt. Liebhabern der Fernsehserie „Dr. House“ wird dies bekannt vorkommen.

„Das Problem liegt nicht darin, dass das Personal nicht weiß, was zu tun ist, sondern es kommt auf das Zusammenspiel der Menschen an“, bekräftigt der Mediziner. Wer gibt Kommandos? Wer ist für was zuständig? Was ist wichtig und schadet es dem Patienten? „Also gewichten und gezielt angehen.“ Auch Kontrolle sei wichtig. „Jeder, der schon einmal im Krankenhaus war, weiß wie nervtötend immer wieder die Fragen der verschiedenen Ärzte sind. Das haben wir doch schon alles erzählt, sagen mir oft die Kranken“, erzählt Dr. Scherer. „Stimmt, doch wir fragen das nicht, weil wir es vergessen haben, sondern weil wir kontrollieren wollen, ob wir die richtige Oma Schulz vor uns haben.“

Nicht nur schwere Fehler müsse man rechnen, sondern die Beinahe-Zwischenfälle sollten gezählt werden. „Hinter jedem tatsächlichen Zwischenfall stehen zehn Beinahe-Zwischenfälle. Wir müssen also darauf achten, was beinahe schiefgegangen wäre und das halt genau eruieren.“ Scherer prangert hierarchische Strukturen an, aufgrund derer niemand den Mut hätte, auf solch Beinahe-Fehler aufmerksam zu machen. Er schwört auf ein Meldesystem für Dinge, die schief oder nicht gut laufen. Gemeldet gehörten auch so profan scheinende Dinge wie nicht taugliche OP-Schuhe, OP-Türen, die zu schnell schließen, zugestellte Wege und vieles mehr, denn dies alles könne zu tragischen Zwischenfällen führen. „Medizin-technisch ist ein hoher Standard vorhanden, wichtig jedoch ist auch, wie der Mensch mit eventuellen Problemen umgeht“, gibt Chefarzt Scherer mit auf den Weg.

Was ist eigentlich eine Narkose?

Was ist eine Narkose eigentlich? Wo liegt der Unterschied zwischen Schlaf und Koma? Nun, aus dem ersten kann man wachgerüttelt werden, aus dem Koma nicht, so die einfache Antwort von Prof. Dr. Ralf Scherer. Eine Narkose kommt daher dem Koma gleich, der Patient verspürt keine Schmerzen, kann aber auch nicht geweckt werden, solange die Medikamente wirken. Eine Narkose ist also ein medikamentös herbeigeführtes und hinsichtlich der Tiefe und Zeitdauer gesteuertes Koma. Erst nach der Narkose fällt der Patient in den Schlaf. Die Aufgabe des Anästhesisten besteht also darin, den Patienten bei einer Operation nicht aufwachen zu lassen, dabei dürfen die zentral wichtigen Funktionen des Gehirns nicht gestört werden. Sonst stirbt der Patient. Über die Jahrhunderte hinweg sind schmerzstillende und bewusst-seinbeeinträchtigende Substanzen bekannt, inzwischen weiß man sogar woher ihre Wirkung kommt, weshalb sie aber das Bewusstsein lahmlegen ist nicht geklärt. „Bis heute ist nicht klar, was Bewusstsein ist“, so Scherer. Es gebe Thesen, die das Bewusstsein als Irrtum belegen, da es steuerbar ist.

Birgit Gargitter

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