Ein Vortrag gegen das Vergessen

Dinslaken..  93 Eisenbahnschwellen sind heute im ehemaligen „Judendurchgangslager Westerbork“ noch erhalten. Sie stehen für insgesamt 93 Deportationszüge, die von 1942 bis 1944 jüdische Häftlinge nach Auschwitz, Sobibor, Theresienstadt oder Bergen-Belsen brachten. Die Enden der Schienen sind nach oben gebogen, um zu zeigen, dass niemals mehr Menschen über diese Strecke deportiert werden, erklärte die Holocaust-Überlebende Eva Weyl den Schülern, die sich gestern im dem Forum des Berufskollegs Dinslaken eingefunden hatten.

Die fast 80-Jährige berichtet den aufmerksam zuhörenden Schülern eindringlich über ihre Erlebnisse während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und im Deportationslager Westerbork. Dabei bezieht sie sich insbesondere auf Kleve und die nähere Umgebung.

Nachdem das Textilkaufhaus ihres Vaters in Kleve 1934 von der SS boykottiert und später enteignet wurde, zogen ihre jüdisch-traditionellen Eltern nach Arnheim, wo Eva Weyl 1935 zur Welt kam. Im Alter von sieben Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrer Familie in das Durchgangslager im niederländischen Westerbork deportiert.

Dort besuchte sie die Schule, ihr Vater wurde aufgrund seiner Sprachkenntnisse in der Administration eingesetzt und ihre Mutter ging dem Waschen von Kleidung nach. Abends konnten die Menschen sich im Lager mit Kabarett, Musik und Theaterstücken zerstreuen.

Leben im „schönen Schein“

„Schöner Schein“, nennt sie diese gemeindeartigen Strukturen im Lager, doch der Stacheldraht, das Fehlen einer Heizung und die Strohmatten in den Etagenbetten gaben Hinweis auf den eigentlichen Zweck dieser „Gemeinde“. Mit der Zeit fehlten mehr und mehr Mitschüler und auch Lehrer, bemerkte Eva Weyl, deren eigene Familie der Deportation dreimal knapp entrann.

Vom Massenmord sprach anfangs allerdings niemand. „Man glaubte einfach nicht, dass es möglich war“. Tatsächlich aber wurden insgesamt 107 000 Menschen aus Westerbork deportiert, so dass bei der Befreiung durch die Alliierten 1945 nur noch 870 Personen im Lager verblieben waren.

Eva Weyl und ihre Familie waren unter ihnen, erklärte die fast 80-jährige den Berufsschülern. Den Jugendlichen möchte sie auch eine Mahnung vermitteln: „Ihr seid nicht schuld, aber ihr seid verantwortlich dafür, was ihr daraus macht.“

Im Laufe dieser Woche wird Eva Weyl noch weitere Vorträge vor Jugendlichen im GHZ-Gymnasium in Hiesfeld und in der Ernst-Barlach Gesamtschule in Dinslaken halten.