Ein Stück zum Nachdenken

Dinslaken..  Das Altpapier rieselt auf den Klassenzimmerboden, während Jens gedemütigt vor der Klasse steht. Unter lautem Gelächter hatte man ihm den gefüllten Mülleimer über den Kopf gestülpt. Eine Schülerin schreit aus den hinteren Reihen: „Bah, da war mein Kaugummi drin!“ Alle johlen.

Gerade mal zwei Minuten steht der unauffällig gekleidete junge Mann im Klassenzimmer und seine Jacke liegt bereits durchnässt im Waschbecken, er hat einen Mülleimer auf dem Kopf und seine Klassenkameraden kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen.

Ein Theaterstück mit dem Ziel der Selbstreflexion, so nennt es die Leiterin des Jugendtheaters und Theaterpädagogin Anna Scherer. Jens heißt in Wirklichkeit Benedikt Thönes und ist Schauspieler bei der Burghofbühne Dinslaken. Bei der Premiere dieses ungewöhnlichen Theaterstücks gibt er einer Klasse der Sekundarschule Dinslaken fünf Minuten lang die Chance, ihn zu mobben. Beleidigen, Schlagen, Sachen klauen - alles ist erlaubt.

Anfangs sind die Schüler und Schülerinnen zögerlich. „Na los, traut ihr euch nicht?“, ruft er provozierend in die Klasse. Die Antwort darauf ist deutlich. Die fünf Minuten werden beendet, als „Jens“ auf dem Boden liegt und einzelne Schüler drohend über ihm stehen.

Dann wendet er sich direkt an die Klasse und berichtet von drastischen Erfahrungen, die er bereits an anderen Schulen gemacht hat. Die fiktive Figur Jens lässt die Schüler durch die Augen eines Mobbingopfers blicken. Jeder kann der nächste sein, macht er den Schülern klar. Mobbing brauche keinen Grund und könne jeden treffen.

Dabei hält er sich an das Script „Erste Stunde“ von Jörg-Menke Peitzmeyer, das interaktiv die Mechanismen von Mobbing und das soziale Rollengefüge innerhalb einer Klasse offenlegen soll. Das Stück bedient sich einer drastischen Sprache und Geschichten, die unter die Haut gehen. Regie führt Nadja Blank. Sie verzichtete auf die Trennung von Bühne und Publikum. Schauspieler und Zuschauer waren damit auf einer Ebene.

Einer setzte sich für „Jens“ ein

Mehr sogar, in seiner Rolle stellte er sich unter die Schüler. Was das Stück bei der Klasse auslöste, war Gegenstand in der von Anja Scherer im Anschluss geführten Diskussion. Die Schüler sprachen über eigene Mobbingerfahrungen und reflektierten über ihr Handeln im Stück zuvor. Dies war nicht zwingend negativ, ein Schüler setzte sich sogar aktiv für „Jens“ ein.

Einige Schüler werden sicherlich etwas über sich selbst gelernt haben und sich in Zukunft vielleicht bedachter verhalten.