„Ein sicheres Leben für meine Kinder“

Ablenkung in den Freizeiträumen des Evangelischen Gemeindezentrums:  (v.l.) Jugendbetreuer Maik Sommer, Vater Jamal Abdullah, Mutter Amira Abdullah und die Kinder Wana, Mohammed, Riadh und Nyaz. (im Hintergrund v.l.) Pfarrerin Susanne Jantsch, Nicole Weltgen, Renate Grundmann und Ulrich Grundmann
Ablenkung in den Freizeiträumen des Evangelischen Gemeindezentrums: (v.l.) Jugendbetreuer Maik Sommer, Vater Jamal Abdullah, Mutter Amira Abdullah und die Kinder Wana, Mohammed, Riadh und Nyaz. (im Hintergrund v.l.) Pfarrerin Susanne Jantsch, Nicole Weltgen, Renate Grundmann und Ulrich Grundmann
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Warum der Agrarwissenschaftler Jamal Abdullah seinen Job als Uni-Professor und sein Zuhause im Irak aufgab und mit seiner Familie zu Fuß und mit Schleppern bis nach Voerde flüchtete.

Voerde..  Geborgen im Kreis ihrer Familie, der Freunde und der NRZ kann nichts passieren und so lehnte sich die kleine Wana in der Redaktion gemütlich zurück – und schlief ein. Doch noch kann sich die Familie Abdullah aus Friedrichsfeld gar nicht so sicher sein, denn das Asylgesuch der sechs kurdischen Iraker ist noch in der Bearbeitung. In ihrer Heimat aber herrscht der blanke Terror, der IS ist in den kleinen Ort nahe der Stadt Erbil gezogen, der Bruder fiel im Kampf gegen den Terror, Jamal Abdullah sah für sich, seine Frau Amira und die Kinder Mohammed, Riadh, Nyaz und Wana keine andere Möglichkeit, als zu fliehen.

„Ich wünsche mir ein sicheres Leben für meine Kinder, das habe ich hier in Deutschland gefunden“, erzählt der Agrarwissenschaftler und früherer Professor der Universität Erbil. Er wäre nie aus seiner Heimat fort, wenn nicht die Terrorgruppe Schrecken und Tod verbreite. Und als Kurden standen sie auf der Abschussliste jener Terroristen. Er habe ein gutes Leben in Erbil gehabt, einen fantastischen Beruf, tolle Studenten, ein großes Haus – dass er einmal als Bettler in einem anderen Land Zuflucht suchen müsse, nie hätte er daran gedacht.

Vor einem dreiviertel Jahr habe die Familie alles zusammengepackt und sich zu Fuß auf den Weg in die Türkei gemacht. Drei Monate verbrachte sie dort, hoffte vergeblich auf Frieden im eigenen Land und geriet schließlich an Schlepper, die sie außer Landes brachten. Zusammengepfercht mit 35 anderen Flüchtlingen in einem Kastenwagen ohne Fenster. „Wir wussten nie, wo wir waren“, erzählt Jamal Abdullah. Ohne Essen, ohne Trinken harrten sie aus, wechselten den Wagen und weiter ging es. Die Pässe waren ihnen weggenommen worden, wiederbekommen haben sie sie nicht. Auch am Düsseldorfer Hauptbahnhof nicht, dort hatten die Schlepper die Familie ohne viele Worte oder Tipps aus dem Wagen geschmissen. „Ein Iraker sprach uns an, lud uns zum Essen ein und schickte uns zur Registrierung nach Dortmund“, versucht Jamal Abdullah auf englisch klarzumachen. Mit dem Taxi seien sie dorthin gefahren, hätten eine Nacht im Auffanglager verbracht, am anderen Tag das Asylgesuch gestellt und schließlich über ein Übergangsheim nach Voerde-Friedrichsfeld gelangt.

Und so begann Februar ihr neues Leben, fern ab der Gefahren und der durchlebten Traumata. Renate und Ulrich Grundmann kümmern sich als Paten um die Familie – „ein Vollzeitjob“, wie Renate Grundmann bemerkt. Denn vieles sei zu regeln gewesen: Arztbesuche, die Wohnung einrichten, Behördengänge und vieles mehr. Inzwischen hat sich die Familie in Friedrichsfeld eingelebt. Mohammed und Riadh haben die Integrationsklasse am Gymnasium Voerde abgeschlossen und werden im kommenden Schuljahr „ganz normal“ das Gymnasium besuchen. Darauf sind beide stolz. „Ich will hier nie mehr weg, es ist wunderschön hier und ich habe schon viele Freunde gefunden“, gesteht Mohammed. Die kleinen Geschwister gehen hingegen in die Grundschule, wiederholen auf Wunsch der Eltern noch einmal die zweite (Wana) bzw. vierte (Nyaz) Klasse. „So haben sie mehr Zeit, die Sprache wirklich zu lernen“, erklärt Renate Grundmann. Integriert in ihre Klassen sind alle vier, Wana machte sich sogar schon auf zur Klassenfahrt. Auch Fußball spielen steht auf dem Freizeitprogramm ganz oben, wie das Schwimmenlernen beim DLRG. „Und das JuZ und die Stockumer sind Spitze“, verrät Riadh.

Die Eltern hingegen pauken in Eigeninitiative mehrmals in der Woche deutsche Vokabeln. Während Amira Privatunterricht durch Grundmanns und deren Freunde und Bekannten erhält, besucht Jamal Abdullah einen VHS Kurs in Wesel, gesponsort durch die VHS, die Stadt Voerde und den Rest trägt Jamal Abdullah selbst. Ulrich Grundmann ist es gelungen, ihm ein Stipendium des Goethe-Instituts für einen Crash-Kurs zu ermöglichen. „Ich hoffe, dass er dort weiterlernen kann.“ Denn auch mit einer Landschaftsgärtnerei hat Ulrich Grundmann bereits Kontakt aufgenommen. Doch um arbeiten zu gehen, muss erst der Asylantrag genehmigt sein. Und vielleicht, so träumt Jamal Abdullah, würden ihm dann eines Tages seine Papiere, sein Studium und seine Professur anerkannt.

Bis dahin ist es noch ein langer Weg, erst einmal müssen die kleinen Hindernisse des Alltags bewältigt werden. Und dazu gehört auch der Umgang mit den Nachbarn, berichtet Ulrich Grundmann. Denn nicht alles verlaufe rosig. So wohne die Familie in einem Haus mit fünf anderen Asylbewerber- und sieben deutschen Familien. Da komme es schon mal zu Reibereien – vor allem bei der Mülltrennung. „Woher sollen die Menschen die Mülltrennung kennen, wenn es ihnen niemand erklärt“, so Ulrich Grundmann. Inzwischen habe die Stadt Voerde spezielle Kurse dafür eingerichtet. Und er habe bei Stadt und Wohnbau angeregt, einmal eine Willkommensfeier für alle Nachbarn zu geben. Im August, so hofft er, werde man sich zum gemütlichen Beisammensein treffen, dann klappt es vielleicht auch mit den Nachbarn.