Ein sehr intimer Abend

Dinslaken..  Was die Werke von Alice Munro so faszinierend macht, beschrieb die Mehrumerin Renate Altenhoff vor Beginn der Lesung recht anschaulich: „Überschaubar vom Umfang, die Art und Weise der Erzählung mit Sprache und Aufbau, dass sie plötzlich mitten in der Geschichte anfängt, Dinge rückwärts erzählt und man sich oft fragt, wie geht es weiter?“

Die Schauspielerin Jele Brückner beschrieb nach ihrem Auftritt die Besonderheit der Arbeiten der Kanadierin, die 2013 den Literaturnobelpreis erhielt, so: „Ich finde es so kunstvoll, dass es so natürlich rüberkommt. Und es ist so unspektakulär, nicht sprachverliebt und trotzdem faszinierend. Sie schafft es, mit einer Geschichte eine ganze Welt zu erschaffen.“

Schlicht, unspektakulär, trotzdem faszinierend und eine Welt erschaffend – so geriet dann auch ihr Burghofbühnen-Gastspiel in den 73 Minuten der Tenterhof-Lesung aus Munros letztem Werk „Liebes Leben“, in der sie gleich zu Beginn aus der Perspektive eines Kindes im Rückblick von der Parkinson-Krankheit der Mutter und dem Zusammenbruch der Pelztierfarm des Vaters erzählt.

Dabei gelang es ihr, mittels ihrer Erzählerrolle das Persönlich-Intime, dabei fast Lakonisch-Nebensächliche und Realistische der Lebenssituationen, die Alice Munro in dem stark autobiographisch gefärbten Abschlusswerk beschreibt, dem Publikum nahe zu bringen.

Wobei Brückner den Titel „Liebes Leben“ entsprechend dem Original „Dear life“ eher positivistisch auf das „Leben“ akzentuierte - trotz der eigenen Lebenserlebnisse, den Enttäuschungen und Verwerfungen in den Geschichten später beschrieb, dem Geist der Autorin verpflichtet.

Die schlichte szenische Einrichtung von Moritz Peters passte zum Vortrag – eine Tasche mit einer Kanada-Karte, die sie ans Mikro hing, um Wege zu erläutern, eine Thermoskanne, ein Klappstuhl und ein Klapptisch. Vom Handy aus spielte sie Musik von The Civil Wars („20 Years“) und Leonard Cohens „Old ideas“ ein – ein schlichtes, aber wirkungsvolles Element.

Eine ganze Erzählwelt eröffnete Brückner dann in der Geschichte „Amundsen“, in der eine junge Lehrerin in einer abgelegenen Gegend in einem Sanatorium tuberkulosekranke Kinder unterrichtet, in dem der behandelnde Arzt die erste Liebe findet, der sie entjungfert, doch sie in den Zug in ihre Heimatstadt setzt, bevor der Plan einer gemeinsamen Hochzeit Gestalt annimmt.

Ihr gelang es dabei, die beiden Figuren, die naive junge Frau und den nüchtern-abweisenden Mannestyp, vom Ton her brillant zu treffen. Am Ende treffen sich die beiden Jahre später wieder – und es endet mit dem ernüchternd-realistischen Fazit „An Liebe ändert sich nie etwas“, einem Satz, der beim Zuschauer nachhallt. Denn „Liebes Leben“ zeigt, wie es oft nun mal ist – Liebe, die nicht von Dauer ist, und doch auf ihre Weise besonders. Oder wie Brückner meint: „Sie ist nicht moralisch, jede Person hat ihren Wert.“

Intendant Mirko Schombert freute sich über den Zuspruch, den die Lesung fand, sie soll nicht die letzte ihrer Art gewesen sein: „Wir wollen das neben dem Jugendtheater hier weiter ausbauen.“