Drachen filzen leicht gemacht

Dinslaken..  Das Filzen hat Anja Sommer ursprünglich für ihre Kinder entdeckt. Aber seit die Familie 2006 ein altes Steigerhaus in der Gartenstadt Lohberg renoviert und bezogen hat, hat Anja Sommer als Künstlerin zu einer ganz eigenen Formsprache gefunden. Kobolde lugen vorwitzig hinter Ecken hervor, Blumen und Baumwesen stehen nebeneinander, im Dachgebälk haust ein großer grauer Gargoyle. „Es ist das Haus, das dies alles hervorgebracht hat“, ist sich die studierte Städteplanerin sicher. Ihr Kunstwerke aus Filz stellt sie inzwischen regelmäßig aus - zum Beispiel beim Open House im Kreativ.Quartier.Lohberg. Und sie gibt Kurse in Filzen. In einem Atelier in Löhnen und in der eigenen Werkstatt unterm Dach im alten Steigerhaus.

Und genau dort, wo ein herzhafter Kaminduft noch in der Luft liegt und der Kaffee im Pott duftet, haben wir uns an diesen Nachmittag zusammengefunden. Jeden ersten Mittwoch im Monat bietet Anja Sommer in ihrem heimischen Atelier ein „Offenes Filzen“ an. Da ich schon öfters über Kunst aus Filz geschrieben habe, die Technik aber selbst nie ausprobiert habe, darf ich heute einmal selbst mitmachen.

Das Thema ist zwar vielleicht für den ersten Versuch mit Wasser und Wolle etwas gewagt, aber der Mut passt auch irgendwie. Ich habe da so eine Kreatur im Kopf, die im Verdacht steht, Zwergen Gold gestohlen zu haben und die ich aus Recherchegründen zu gerne einmal filzen würde. Vera Michels, immerhin zum zweiten Mal dabei, ist mit dem Thema einverstanden: Wir werden uns unserem ersten Drachen stellen. Und Anja Sommer, die mit diesen Kreaturen viel Erfahrung hat, verspricht uns, mit diesem Wunsch bei ihr im richtigen Film zu sein: „Drachen filzen leicht gemacht“.

Nun sind Filz-Lindwürmer, mit Verlaub, Schafe im Drachenfell. Anja Sommer greift zu etwas grober Flieswolle in naturweiß und erklärt die Technik. Kleine Wollstränge werden durch eine Lauge aus Olivenseife (schont die nassen Finger) gezogen und längst und quer übereinander gelegt und gewickelt. So entsteht die Grundform des Filzwesens: Hals und Schwanz, der Körper wird schon allein dadurch dick, dass die Beine angefilzt werden müssen. Dafür wird überstehende Wolle der Beine um den Korpus geschlungen. Und bereits jetzt brauchen unsere Proto-Drachen etwas, womit ich bei dieser Spezies nicht gerechnet hätte: Streicheleinheiten.

Wolle ist ein leichtes Material, es will wie kleine Wölkchen behandelt werden. Bis sie nass ist. Dann muss die Oberfläche durch leicht streichende und kreisende Bewegungen geglättet werden. Leichter gesagt, als beim ersten Mal getan. Bei mir binden sich die Fasern zu Fäden, Anja Sommer zeigt mir, wie man diese durch auseinanderziehen wieder verteilt und damit die Oberfläche glättet.

Der Rumpf steht, Vera Michels setzt ihrem kleinen, aber stämmigen Drachen Hörner auf. Auch die kräftigen Flügel formt sie mit der weißen Wolle vor. Mein Exemplar soll eher fledermausartig werden. Ganz dünn gezogene schwarzer Vlieswolle forme ich mit viel Seifenwasser auf der Filzunterlage, einer Gummimatte, zu dünnen, sogar etwas löchrigen Flügeln.

Die Vorarbeit ist getan. Was aber nun klatschnass vor uns liegt, sieht allerdings weniger nach majestätischem Drachen aus als nach totem Frettchen. „Das ist auch richtig so“, erklärt Anja Sommer und zeigt uns, wie man aus wunderschönen, langen Strängen, so genannten Kammzugs, kleine, fluffige Faserbüschel zupft. Sie werden die „Drachenhaut“. Nur wenige Fasern auf den schwarzen Flügeln werden später den melierten, hautähnlichen Effekt geben, einige Stellen des Schwanzes lasse ich absichtlich frei: Narben und Kampfspuren!

Wie ein totes Frettchen

Voilà! Heute gibt es Drache mit Parmesan. Nein, es ist die Olivenseife, die Anja Sommer über die angefilzte wolle raspelt, aber die Assoziation ist unvermeidlich. Seife und Wasser machen das Filzen zu einer glitschigen Angelegenheit. Aber die Streicheleinheiten, die unsere Drachen nun von uns bekommen, entspannen. „Filzen ist etwas Meditatives, man kann loslassen“, erklärt Anja Sommer. Die Veränderungen, die es bringt, könne sie bei den Teilnehmerinnen ihrer Sommerfilzkurse geradezu am Ende des Workshops in den Gesichtern ablesen.

Und auf einmal ist die Magie da: Die Drachenhaut wird völlig glatt! Die Fasern haben sich verbunden. Lässt sich der Drache jetzt in Positur bringen?

„Nein, jetzt muss die Seife ausgewaschen werden, sonst wird die Figur später brüchig“. Zum dritten Mal liegt ein totes Frettchen vor mir. Aber abends, als ich zuhause mein Erstlingswerk zum Trocknen vor die Heizung lege, kann ich das „Frettchen“ zu einem stolzen Drachen formen, der wachsam den Kopf hebt. Seine Augen habe ich nicht gefilzt, sondern Goldfolie tief in die Augenhöhlen genäht. Jetzt blinzelt er im Halbdunkel. Schließlich ist auch er eine, wenn auch ganz einfache, Kreatur aus dem alten Steigerhaus, wo Anja Sommer Medusenhäupter, Kobolde und so viele andere Geschöpfe filzt.