Dinslaken: „LOL“ statt „la-la“ im Kinderwagen

Sie wissen, wo’s lang geht: Die Mitglieder von Restkultur weisen satirisch auf Missstände hin.
Sie wissen, wo’s lang geht: Die Mitglieder von Restkultur weisen satirisch auf Missstände hin.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Zwei Abende lokales Kabarett im Dachstudio. Im neuen Programm der „Restkultur“ stehen nicht nur die Kleinsten in der virtuellen Welt „verkehrt mittendrin“

Dinslaken..  35 Millionen Euro Finanzierungslücke bei der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe? Schon seit Freitagabend beginnt die aktuelle Summe mit einer 34. Genaugenommen sind es seitdem 34 999 998,73 Euro, die noch fehlen. Stolze 1,27 Euro an Spenden für die notleidende Institution sammelte die Restkultur vom Premierenpublikum des neuen Programms „Verkehrt mittendrin“ im Dachstudio der Stadtbibliothek für den guten Zweck der Anlagesicherheit. Da sage noch einmal einer, dass politisches Kabarett nichts bewirke.

„Verkehrt mittendrin“ lautet der Titel der neuen Programms des Dinslaken-Voerder Kabarett-Quintetts. Das beginnt schon im Kinderwagen. Wenn die Teenie-Mutter (Aurora Peters mit blonder Perücke) die Babys plärren lässt (das beherrschen Herbert Menzel und Bettina und Thomas Hecker perfekt), weil sie pausenlos über das Display ihres Smartphones wischt, ist das ein zynischer Blick auf die Realität. Wenn dann aber die lieben Kleinen kein Räppelchen, sondern ebenfalls I-Phones zur Beruhigung bekommen, in den Kinderwagen die Lightshow beginnt und die drei Babies im Chat-Jargon anfangen, sich und ihre Mutter online bloßzustellen, springt das *LOL* (Abkürzung für laughing out loud“ - laut auflachen) aufs Publikum über.

Die Nummer gehört zu den Highlights der Show. Und einmal auf Breitband-Surfgeschwindigkeit angekommen, setzt Herbert Menzel mit einem Blick in die technologische Zukunft noch eins drauf. Zuerst präsentiert er als absolut hacker- und absturzsicheren Datenträger für den mobilen Gebrauch ein Taschenbuch, dann stellt er seine eigene Freundin als haptische 3D Neuheit für Facebook-Nutzer vor: „Reagiert durch eingebaute Spracherkennung beim Chatten auf einfaches Reden“. Das Publikum im Saal gefällt das und „liked“ es dank revolutionärer Bio-Technik mit eigenem Daumenheben.

„Liken“, „googeln“, „Hashtag“. Der Jargon im digitalen Zeitalter wäre für Zeitreisende nur über eine Distanz von 10 Jahren ein Buch mit sieben Siegeln. Aber kryptisch war Sprache immer. Und auch im aktuellen Programm treten Restkultur wieder an, linguistische Phänomene im Deutschen aufzuspüren und zu hinterfragen. „Verkehrt mittendrin“ stecken nicht nur eine junge Ziege, ein Stück kantiges Metall und Futtermittel für den Winter in „Zicke Zacke Heu Heu Heu“. Dr. Nußbaum (Thomas Hecker) sorgt sich um unselbstständige Wortstämme. Ein sinnloses „’Heblich’ ist alles, was von ‘überheblich’ ohne ‘über’ bleibt. „Oooh“ bedauert das Publikum den tiefen Fall des stolzen Wortes.

Restkultur spielt nicht nur mit der Sprache. Ingo Borgardts spielt Klarinette und Gitarre, Thomas Hecker greift ebenfalls in die Saiten oder begleitet sich am Piano, Herbert Menzel sitzt am Keyboard oder auf der Cajon und Bettina Hecker singt an der Seite von Chansonnette Aurora Peters. Zum Schluss singt auch das Publikum. „Tu ma dat da dahin“: auch eine Aufforderung mit Lokalkolorit an die Überbringer der Blumensträuße für die Akteure am Ende einer gelungenen Premiere.