Dinslaken: Arbeiten, wenn andere noch schlafen

Susanne Kinkel beobachtet das Geschehen während des Badebetriebes.
Susanne Kinkel beobachtet das Geschehen während des Badebetriebes.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Für Susanne Kinkel und Saskia Toonen ist die Nacht früh zu Ende. Sie bereiten ab 5.30 Uhr das Dinamare für die Badegäste vor.

Dinslaken..  Die Nacht kann so kurz sein. Besonders wenn man Berufe ausübt, bei denen die Schicht schon recht früh beginnt. Wenn andere um sieben Uhr aufstehen, um zur Schule oder zur Arbeit zu gehen, haben Bäcker fast schon die Schicht um, Lkw-Fahrer geraten in den ersten Stau auf der Autobahn, startet ein Landwirt seinen Trecker. Saskia Toonen und Susanne Kinkel haben einen solchen Job. Denn bevor im Hallenbad die ersten Frühschwimmer ihre Runden drehen, muss das Duo im Dinamare die letzten Vorbereitungen für den Tag erledigen.

Spiegelglatt liegt das Wasser im Mehrzweckbecken des Dinamare. Nur der Staubsauger, den Susanne Kinkel aus dem 3,80 tiefen Becken zieht, verursacht kleine Wellen, die über die Oberfläche krabbeln und bald nicht mehr sind. Währenddessen nimmt Saskia Toonen eine Wasserprobe, um die Qualität sicher zu stellen. Draußen ist es noch nicht richtig hell, viel Zeit dürfen sich die beiden nicht lassen. Ihre Schicht fängt um 5.30 Uhr an, die Pforten des Bades öffnen sich um sechs Uhr. Zählt man noch den Weg zur Arbeitsstelle, wird schnell klar: Der Wecker klingelt für die beiden recht früh.

Als Gesprächspartner

Um gefühlt sechs Uhr eins sind die ersten Schwimmerinnen und Schwimmer im Becken. Ohne Kopfsprung. Dafür mit viel Getratsche. Die Frühschwimmer kennen sich untereinander und auch Kinkel und Toonen nehmen ihre Rollen als Gesprächspartnerinnen ein. Eine Rolle von vielen in ihrem Repertoire. Die Fachangestellten für Bäderbetriebe sind Technikerinnen, Chemikerinnen, Erzieherinnen, Krankenschwestern und Reinigungskraft in einem.

Nicht lange überlegen

Vor 35 Jahren musste Susanne Kinkel keine zwei Sekunden überlegen, was sie nach der Schule machen wollte: In einem Schwimmbad arbeiten. „Für mich war das der tollste Beruf der Welt. Ich wollte nichts anderes machen.“ Ein Beruf, der für Sportlichkeit steht, ein Beruf, der Vielseitigkeit verlangt. In Kinkels Anfangszeiten gehörte der Schwimmunterricht noch dazu. Den übernehmen heute die Vereine und die Schwimmschule „swimming turtles“. Dafür stieg in den Jahren die Verantwortung. Vor fünf Jahren wurde das alte Bad abgerissen, das neue am selben Ort errichtet. Außerdem ist es ein kleines Kraftwerk – teilweise stellt es den Strom selbst her.

Gleich einer Tiefgarage mutet der betonierte Keller an, in dem keine Autos, sondern Pumpen stehen. In dem modernen Schwimmbad wird nicht mehr wie noch im Hiesfelder Freibad dem Wasser Chlorgas an einer Impfstelle hinzugegeben, sondern eine Chlorlauge, die von einem mannshohen Rechner dosiert wird. Bei Ausfall muss ein Fachmann gerufen werden.

Nicht weniger kompliziert ist die Wasseraufbereitung, bei der die Dreckteilchen geflockt werden, ehe sie in einem Kiesbecken gefiltert werden. Davor lagert das Wasser in riesigen unterirdischen Becken. Rohre und Kabel verstricken sich wie im Inneren eines Computers. Kinkel und ihre fünf Kolleginnen und Kollegen mussten deshalb von Null anfangen, technische und chemische Prozesse in Seminaren lernen, Funktionsweisen der Maschinen verstehen. „Die Verantwortung ist viel größer geworden, weil wir den Badbetrieb koordinieren müssen“, sagt Kinkel, die im Aufsichtsraum per Touchscreen alles steuern kann.

Manche kommen jeden Tag

Badegast Enno kommt jeden Werktag ins Dinamare, manchmal auch sonntags, wenn die Enkel schwimmen gehen wollen. Der ehemalige Lehrer und das Dinamare-Team kennen sich seit Jahren, Enno packt mit an, wenn eine Trennleine verlegt werden muss. In derselben Beziehung steht Enno mit den anderen Frühschwimmern. Witze werden erzählt, über den Abstiegskampf der hiesigen Handballvereine gefachsimpelt. Im Schnitt begrüßt das Bad 110 Frühschwimmer, die meisten gehobenen Alters, manche ziehen schon vor der Arbeit ein paar Bahnen.

Nichts passiert

In den drei Stunden, in denen das 28 Grad warme Becken ein reines Schwimmerbecken ist, steht das Wasser nicht still. Unfälle kommen vor, aber Leben retten wie im Film musste die 28-Jährige Oberhausenerin Saskia Toonen noch nicht. „Zum Glück nicht. Während meiner Schicht ist in zehn Jahren nichts passiert. Dabei sind die Frühschwimmer die Risikogruppe.“ Schlaganfälle und Herzinfarkte können bei Überanstrengung vorkommen.

Private Geschichten hinterlassen die 600 Badegäste pro Tag zu genüge. Schmutz entsteht bei den Besuchszahlen von selbst. In ihren Schichten muss das Team die Fenster putzen und den Parkplatz säubern. Auch das gehört zum tollsten Beruf der Welt dazu. Und um 14.30 Uhr ist sie zu Ende, die Schicht im Schwimmbad. Bis zum nächsten Morgen.