Dinslaken: Alos-Gruppen lösen sich auf

Irmgard und Hermann Borgmann riefen die Alos-Selbsthilfegruppen in Dinslaken ins Leben. Hermann Borgmann wurde vor vier Jahren sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen - dabei entstand dieses Foto mit Bürgermeister Heidinger. Nun zieht sich der 79-Jährige aus Altersgründen zurück.
Irmgard und Hermann Borgmann riefen die Alos-Selbsthilfegruppen in Dinslaken ins Leben. Hermann Borgmann wurde vor vier Jahren sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen - dabei entstand dieses Foto mit Bürgermeister Heidinger. Nun zieht sich der 79-Jährige aus Altersgründen zurück.
Foto: Heiko Kempken / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Sucht-Selbsthilfe: Hermann Borgmann hört nach 30 Jahren auf. Ein Nachfolger fehlt

Dinslaken..  30 Jahre lang waren die Alos-Selbsthilfegruppen für Suchtkranke Hermann Borgmanns Leben. Er hat sie gegründet, dazu einen Landesverband, aus dem viele weitere Ortsgruppen hervorgingen. Nun zieht sich der 79-jährige Vorsitzende aus Altersgründen zurück. Die verbliebenen beiden Dinslakener Ortsgruppen lösen sich zum Jahresende auf - denn einen Nachfolger gibt es nicht.

Der Grund, warum der Dinslakener vor 30 Jahren die Selbsthilfegruppe Alos gegründet hat ist einfach: „Andere Gruppen gefielen mir nicht“, erklärt er. Er und seine Ehefrau Irmgard stellten sich eine Gruppe vor, die sich für alle Süchte zuständig fühlt und auch die Angehörigen mitbetreut. Also riefen die beiden den Selbsthilfeverein mit Namen Alos (Aktives Leben ohne Sucht) Freundeskreise Dinslaken-Eppinghoven ins Leben.

Für den Rentner begann damit eine Tätigkeit, die einem Vollzeit-Job gleichkommt. Bis zu 13 Gruppen gab es zu Spitzenzeiten in Dinslaken und Umgebung - die der Vorsitzende gar nicht alle selbst betreuen konnte - und auch die Arbeit im Landesverband nahm Zeit Anspruch. Dazu kamen jede Menge Seminare zum Thema Sucht und ihre Geschichte, die Hermann Borgmann zunächst besuchte, später auch selbst leitete. Auch Nordic Walking gehörte zum Angebot.

In den Seminaren wie auch in den Gruppentreffen gaben sich die Mitglieder gegenseitig Halt und lernten, dass die Sucht immer eine Ursache hat. Meist ist es die Angst.

Viele Kontakte aufgebaut

Viele lernten in den Gruppen und Seminare erst, was Sucht bedeutet - und für viele war der erste Schritt der schwerste, weiß Hermann Borgmann. „Ich kenne ein Mitglied, das hat einen Zeitungsausschnitt ein Jahr lang mit sich herumgetragen.“ Erst danach hat er die Kontaktaufnahme gewagt. Und nicht alle kommen aus eigenem Antrieb: Häufig sind es Angehörige, Partner oder sogar Arbeitgeber, die Suchtkranke drängen, endlich etwas zu unternehmen. Auch Einzelgespräche waren keine Seltenheit. Angehörige wurden bei Alos ebenfalls betreut - denn auch sie leiden unter der Sucht.

Der Verein Alos hat in den Jahren eine Reihe von Kontakte aufgebaut, zu Krankenhäusern, Beratungsstellen, zum Jugendamt. Auf den DIN-Tagen waren die Mitglieder regelmäßig mit einem Stand vertreten, um Menschen Mut zu machen, gegen die Sucht zu kämpfen - egal ob Alkohol, Medikamente, Spiel- oder Esssucht. Manche blieben über Jahre, andere nur wenige Wochen. Gerade in der Vergangenheit hat Hermann Borgmann Veränderungen beobachtet: Der anonyme Austausch über das Internet wird einem Gruppentreffen immer häufiger vorgezogen. Und es gibt heute mehr Suchtkranke, die mehrfach abhängig sind.

Vor einiger Zeit hat der 79-Jährige beschlossen, dass es reicht. „Ich möchte noch etwas von meinem Rentnerleben haben“, sagt er. Einen Nachfolger hat er nicht gefunden. „Wer noch im Berufsleben steht, der schafft das nicht“. Die stellvertretende Vorsitzende Jennifer Rielke hat Hermann Borgmann in der Vergangenheit schon sehr unterstützt, doch auch sie kann das Amt aus beruflichen Gründen nicht übernehmen.

So werden die verbliebenen beiden Gruppen zum Jahresende aufgelöst. Im Januar treffen sich die Mitglieder noch einmal zu einer Versammlung mit einem Abschiedsessen - dann ist Schluss mit den Aktivitäten. Es gibt zwar noch andere Sucht-Selbsthilfegruppen, doch die Auflösung von Alos hinterlässt eine Lücke, finden die verbliebenen Mitglieder, die sich nun neu orientieren müssen.