Die Stadt wird wieder aufgebaut

Dinslaken..  Er klingt ruhig und gefasst, wenn er über die Lage in seiner Heimat spricht. Dabei hat Nassan Ahmad wie viele seiner Mitmenschen in der syrischen Provinz Kobane an der Grenze zur Türkei in den vergangenen Monaten viel Schreckliches im Kampf gegen den Terror der ISIS erlebt.

„Wir waren in einem provisorischen Operationszentrum, teilweise nur 250 Meter von der ISIS entfernt, im Minutentakt sind Mörsergranaten eingeschlagen, da gingen wir in einen unterirdischen Bunker und hörten über uns die Explosionen“, erzählt der kurdische Mediziner, der in seiner Eigenschaft als Gesundheitsminister der Provinz Kobane auf Einladung des Europäischen Parlaments zurzeit in Deutschland weilt.

Verheerende Wirkung

„Irgendwann trennten uns nur noch Wände“, beschrieb Ahmad bei seinem Besuch der Linken – und später bei der anschließenden Podiumsdiskussion im City-Hotel – die verheerende psychologische Wirkung, die diese Zeit auf die Menschen ausübt. Als Arzt sei er vielleicht etwas stabiler, könne sich selbst helfen, aber für die Menschen, die ihr Zuhause zurücklassen mussten und das miterlebt haben, sei das schwierig, berichtete er auch von Enthauptungen, Vergewaltigungen und Verbrennungen von Menschen. „Und vor allem für die Tausenden Kinder, deren Eltern getötet wurden. Das wird die Menschen noch über Jahre beschäftigen.“ Wie viele Menschen gestorben sind, könne niemand genau sagen.

Der Krieg habe am 1. September letzten Jahres mit den ersten Attacken der ISIS begonnen. Warum suchten sich die Terroristen Kobane aus, wurde Ahmad gefragt. Er machte klar, dass das basisdemokratische Gemeinwesen in Kobane, wo jede Religion und Ethnie mit ihrer Sprache und Kultur leben könne, eine Bedrohung in den Augen der ISIS war. Und die Region lag für die Islamisten logistisch günstig. Nach zehn Tagen seien die 450 Dörfer der Provinz Kobane eingenommen worden, berichtete Ahmad. Bis zu 30 000 Menschen seien aus den Dörfern vor den gut 9000 ISIS-Kämpfern in die Stadt geflüchtet.

Dank für Unterstützung

Man sei zunächst auf sich allein gestellt gewesen, hob er am Beispiel zweier Kämpferinnen die Bedeutung der Frauen hervor – bis nach einem Monat Unterstützung von außen gekommen sei. „Das war ein internationaler Widerstand“, bedankte er sich dafür ausdrücklich. Seit dem 27. Januar gilt die kurdische Stadt als befreit, in rund 400 Dörfern der Provinz hat man die Terroristen zurückgedrängt.

Ausführlich widmete sich Ahmad der aktuellen Lage in Kobane und der Provinz. Achtzig Prozent der Infrastruktur der Stadt seien zerstört, unter den Trümmern lägen noch zahlreiche Leichen der Islamisten, die man ohne schweres Gerät nicht beseitigen könne. Hunderte Minen lägen noch in den Dörfern, wodurch im Nachgang viele Menschen verletzt oder getötet würden.

Trotzdem sei Kobane jetzt „eine fröhliche Stadt, die befreit ist“, verbreitete Ahmad auch Zuversicht. Ahmad forderte politischen Druck auf die Türkei, um an ihrer Grenze humanitäre Korridore zuzulassen, damit die Hilfe für die Menschen auch ankommt. Einige Organisationen wie Medico international oder der kurdische rote Halbmond seien schon vor Ort – man benötige aber auch dringend weitere Unterstützung – auch der Zivilgesellschaften in Europa. Als Priorität nannte er die Anschaffung medizinischer Geräte, die Errichtung von Krankenstationen oder eines Gesundheitszentrums, den Wiederaufbau von Schulen.

Noch immer stehen 40 bis 45 Dörfer der Provinz unter Kontrolle der ISIS. „Wir wissen nicht, was da mit den Menschen dort geschieht und ob sie noch leben“, sagte Ahmad.