Die Kunst, das Staunen nicht zu verlernen

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Dinslaken..  Die Frage hallt vielstimmig durch die Kirche: Warum sie denn „immer noch“ nach Gerechtigkeit rufe, zitierte Dorothee Sölle in ihrem Text „Hunger nach Sinn“ die Worte, denen sich die zu ihrer Zeit umstrittene Theologin, Feministin und Pazifistin ausgesetzt sah. Fragen und Versuche von Antworten, die auch heute, zwölf Jahre nach ihrem Tod, nichts von ihrer brennenden Aktualität verloren haben. Am Dienstag sprachen Irene Diller, Lisa Lenz, Ruth Levin und Friedrich Severing aus der Ev. Kirchengemeinde Königshardt-Schmachtendorf Texte von Dorothee Sölle in einer Konzertlesung im Rahmen der Reihe „Rendezvous nach Ladenschluss“ in der Ev. Stadtkirche Dinslaken.

Dabei verliehen sie den Worten durch die Verteilung und Wiederholung einzelner Sätze auf unterschiedliche Sprecher eine besonders eindringliche Wirkung: Der oder die Einzelne sieht sich dem Sprachgewirr unruhiger Zeiten ausgesetzt und versucht darin die eigene sowie die Stimme Gottes zu finden.

Dorothee Sölle setzte sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands auseinander, hinterfragte ihre eigene Position als Jugendliche in dieser Zeit. Sie trat dem Tod und „seinen Mitarbeitern im Unternehmen“ entgegen, suchte nach Antworten für sich und ihre Kinder. Und trotz all dieser Fragen und Zweifel nannte sie sich „grundlos glücklich“. Denn die wahre Freude sei nicht an äußeren Anlässen geknüpft, sondern erfülle beständig von innen heraus.

Musik wohnt eine solche Freude inne. Gabriele Kortas-Zens ergänzte die Wortbeiträge um die musikalische Sprache am Klavier. Bachs Sinfonia aus der Kantate No. 156, eine jener seiner Kompositionen, die man aus heutiger Sicht mit dem Label „Hitcharakter“ versehen möchte. Aber auch Werke zweier Frauen, die wie Dorothee Sölle zu den großen Deutschen gehören, standen auf dem Programm: Clara Schumanns Andante con sentimento und eine „Melodie“ von Fanny Hensel.

„Staunen ist eine Form, das Leben zu lieben“, schrieb Dorothee Sölle. Dazu gehört, es sich zu bewahren auch vermeintlich Bekanntes neu zu erleben. Beim „Rendezvous nach Ladenschluss“ bestand hierzu die Möglichkeit.