Die Kraft der Poesie

Konstantin Wecker und seine hervorragende Band Fanny Kammerlander, Johannnes Barnikel und Jens Fischer.
Konstantin Wecker und seine hervorragende Band Fanny Kammerlander, Johannnes Barnikel und Jens Fischer.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
„40 Jahre Wahnsinn“: Konstantin Wecker erwärmte das Publikum im Fantastival

Dinslaken..  Konstantin Wecker glaubt an die Kraft der Poesie. Dass sie Berge versetzen und die Welt verändern kann, dass sie die Herzen erwärmt und die Kälte vertreibt. Daran lässt er die Menschen seit 40 Jahren mit seinen Liedern teilhaben. Und wie stark diese Kraft wirkt, davon konnten sich die Fantastivalbesucher am Dienstag Abend sogar ganz praktisch überzeugen. Konstantin Wecker begann seine aktuelle Show „40 Jahre Wahnsinn“ bei leichtem Regen mit einer Programmänderung. Die Zeilen „Wenn der Sommer nicht mehr fern ist“ hätten schon nach Joan Baez’ „A hard rain’s gonna fall“ gewirkt. Tatsächlich konnte Wecker beide Konzertteile des Fantastival Open Airs „im Februar“ im Trockenen bestreiten: Es regnete nur ein wenig in der Pause und gegen 23 Uhr, als Konstantin Wecker und seine erstklassige Band ein begeistertes und beseeltes Publikum schon mehrfach zu stehenden Ovationen hingerissen hatten.

„Dem Weinstock werden die Reben im Herbst so schwer und um zu überleben gibt er sie wieder her“. Mozart, Novalis, Konstantin Wecker. Der Münchner, der am 1. Juni seinen 68. Geburtstag feierte, rückt seinen Namen gerne, in aller Bescheidenheit, neben große Namen und mit Versen wie diesen und Kompositionen, deren Text-Melodie-Beziehung sich schon beim bloßen Zuhören lesen lässt wie ein offenes Buch, rückt der bekennende Frühromantiker und Schubert-Fan seinen Vorbildern auch tatsächlich nahe. Musikalisch in fast jedem Stil vom Kunstlied-gefärbten Chanson bis Blues, Rock und sogar Beatbox daheim malt er die poetischen Bilder seiner Liedtexte noch einmal in Tönen nach. Eine gedoppelte Illustration von Inhalten, die klare politische und gesellschaftskritische Ansagen und zartes Liebeswerben vielschichtig schimmern und funkeln lassen.

40 Jahre Konstantin Wecker auf der Bühne, das ist nicht nur eine Zeitreise durch die Republik von den wilden Zeiten der 68er und deren gar nicht so freien Doktrinen ihrer „-isten“ über die Friedensbewegung, aufkommendes Neofaschistisches Gedankengut bis hin zur Bankenkrise und die derzeitige von Menschen verschuldeten Flüchtlingstragödie.

Lebenssüchtig

Konstantin Wecker selbst führte ein bewegtes Leben. Und auch dem stellt er sich mit jener schonungslosen Offenheit, mit der er auch Fehler und Versagen anderer geißelt. Wecker singt die ersten frivolen Verse eines 19-Jährigen ebenso wie die Lieder, die ihn in Konflikt mit dem Gesetz brachten. Seine Lieder seien aber immer klüger gewesen als er selbst, wird er nicht müde zu sagen. Eher ist es wohl so, dass diese Sehnsucht, diese Maßlosigkeit nach dem prallen, vollen Leben, die in der Kunst die glühendste Poesie und die betörendsten Klänge hervorbringt, auf die Verlockungen des Lebens übertragen aber einen Menschen in die Irre leiten und in Abgründe stürzen lassen kann. Wecker, dieser lebenssüchtige Anarcho, musste einen langen Weg gehen, um die den formgebenden Gesetze der Musik und des Versmaßes entsprechenden Regeln des Lebens zu finden, die nicht fremdgesteuert beengen, sondern einer Persönlichkeit Format verleihen.

Heute scheint er beides gefunden zu haben. Das Publikum im Burgtheater erlebte Lieder von berückender Schönheit und einen Sänger und Komponisten, der zugleich ein warmherziger Entertainer war. Ein Abend, der jegliche Kälte vergessen ließ.