„Die Idee“

„Der Anruf hatte ihn aus einem tiefen, whiskyseeligen Schlaf gerissen. Noch ganz benommen stolperte er in den Flur und zog sich die roten Gummistiefel an.“

Diese ersten strikt vorgegebenen Worte für einen Kurzgeschichtenwettbewerb hatten ihn jetzt einige Wochen lang aus einem Schaufenster heraus angelacht und damit fast zur Verzweiflung getrieben. Wie sollte man, wie sollte er denn mit diesen ersten Worten eine Geschichte beginnen können?

Seit Jahren litt er nun schon unter einer Schreibblockade und war auch jetzt völlig ratlos. Er hatte noch nicht einmal die kleinste Idee für die nächsten Zeilen oder auch nur das erste von ihm geschriebene Wort.

Aber das hier, dieser kleine Wettbewerb war vielleicht seine letzte Chance für eine neue Kurzgeschichte - oder auch ein neues Buch. Die Geschichte hatte ja eigentlich schon begonnen, die ersten Zeilen waren geschrieben und von Fremden für ihn unveränderlich in Stein gemeißelt; das erste Blatt war nicht mehr rein, weiß und unbefleckt. - Was am Ende dabei heraus kommen würde, war für ihn eher nebensächlich. Wenn dadurch nur seine langjährige Schreibblockade enden würde.

Dann hatte der Zufall zugeschlagen.

Abends wollte er bei ein paar Bieren zur Inspiration in der alten, düsteren Hafenkneipe die Fischer beobachten und ihrem Seemannsgarn lauschen. Bald würden sie sich wieder aufmachen und ihre Schiffe für die nächtliche Fangfahrt vorbereiten. - Da hatte er gerade eben genau diese paar Anfangszeilen des Wettbewerbs bei einem Mann in einem kleinen zerfledderten Notizbuch gelesen. Zusammen mit einer schnell skizzierten, aber verdammt guten Idee für eine Kurzgeschichte. Mit ein wenig Phantasie würde daraus der Stoff für ein ganzes Buch. Aber selbst die beste Idee reichte leider nur für eine Geschichte und wenn zwei sie einreichen verkam sie schnell zur Massenware. War vor der Geburt schon lange gestorben.

Fuck! Er wollte diese Idee. Er brauchte diese Idee. Alleine!

Der Mann klappte das Büchlein zu und es verschwand in der Jackentasche. Er schickte sich an zu gehen.

Sehnsüchtig sah er auf die kleine Beule, die das Büchlein zeichnete. Aus einem Impuls heraus ging er hinter ihm her und trat hinaus in die Dunkelheit.

Auf der Promenade war in der vorweihnachtlichen Zeit trotz des leichten Regens ein heilloses Gedränge und Geschiebe der Touristen. Er hatte seine rechte Mühe dem Mann zu folgen. Etwas abseits lichtete sich langsam die Menge und er vergrößerte den Abstand ein wenig.

Jetzt begann alles in ihm aufzuschreien.

Was machte er eigentlich hier?!

Und wozu überhaupt?!

Hilfe!

Warum waren jetzt immer weniger Menschen auf den Straßen? Wieso suchte der Mann nicht Schutz in der Masse?

Wo waren all die Retter in der Not, die mutigen Helden des Alltags? Konnten sie denn nicht erkennen was sich hier gerade anbahnte!

Der Mann bog ab, von der spärlich beleuchteten Straße auf einen dunklen Fußweg den Deich entlang. Im vorbeigehen griff sein Verfolger einen faustgroßen Stein aus einem Beet und beschleunigte seinen Schritt. Der Stein war feucht, eisig kalt und wog unendlich schwer in der Hand.

Nur noch ein paar weitere Schritte hinein in die Dunkelheit, den strahlenden Leuchtturm im Rücken, der kurze Lichtschein wies die Richtung. Das leuchtende Signal für eine sichere Heimkehr. Mit schlafwandlerischer Sicherheit folgte er dem Mann auf dem Weg.

Er wusste wie der schmale Pfad weiter verlief, wie er sich bald um die knorrigen Bäume winden würde. Es waren ja immerhin die Wege seiner Kindheit und eine bestimmte Stelle rückte unweigerlich näher. Noch ein paar kleine Schritte ins Ungewisse und der Lebensweg würde sich wenden. Für alle Beteiligten.

Wie hatte es nur soweit kommen können? Wie konnte der Mann ihn auch dazu zwingen, indem er genau diesen einen dunklen Weg wählte. Dieser Narr! Was glaubte der eigentlich?! Das er unverwundbar sei?!

Die Wut stieg in ihm wegen einer solchen ungeheuerlichen Frechheit auf. Und der Hass! - Weil dieser verdammte Kerl ihn jetzt dazu nötigte!

Dumpf schlug der Stein aufs Hinterhaupt und streckte den Mann nieder. – Immer wieder schlug er zu. Laut hallte das Knacken der Knochen durch die Stille der Nacht. Langsam, wie in tiefer Meditation zermalmte der Stein den Hinterkopf zu einer breiigen Masse und die Hand langte selig ins bloßgelegte Hirn, um auch noch den letzten Funken der Idee zu fassen.

Es war vollbracht. Die Idee war sein und niemand konnte sie ihm streitig machen.

Vergnügt schlenderte er nach Hause, das kleine Büchlein in der blutigen Hand - und die neuen Worte kamen schon.