„Der Mindestlohn bringt Kaufkraft“

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Was wir bereits wissen
Die Gewerkschaft NGG rechnet damit, dass Arbeitnehmer zukünftig mehr Geld im Portemonnaie haben werden.

Dinslaken..  Die Fahrt mit dem Taxi wird teurer, Firmen kündigen ihren Aushilfen. Das sind Folgen des Mindestlohns, der seit dem 1. Januar 2015 gilt. Unterschiedlich bewerten Gewerkschaft und Unternehmerverband die Auswirkungen der neuen Richtlinie. Die Leute werden mehr Geld im Portemonnaie haben, sagt zum Beispiel die Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten), für die Unternehmer bedeute es dagegen einen zusätzlichen Aufwand.

„Man muss mit seinem Monatslohn auskommen können. Alles andere wäre unchristlich“, sagt Josef Lettgen, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft für den Kreis Wesel und begrüßt die Einführung des Mindestlohns. Wie er sehen auch die Obermeister verschiedener betroffener Innungen dadurch keine Probleme für die ihnen angeschlossenen, nach Tarif zahlenden Betriebe. Ein Dorn im Auge sind ihnen die „schwarzen Schafe“, für die sie Kontrollen fordern.

Für die Stadtwerke Dinslaken stellt der eingeführte Mindestlohn kein Problem dar. Wie Pressesprecher Wolfgang Kammann berichtet, zahle man adäquate Löhne, was die Aushilfen bekämen, liege über den Mindestlohn. Meistens seien es Schüler, die bei den Stadtwerken ein Praktikum absolvieren, um in Berufe hineinzuschnuppern. Und die fallen nicht unter das Gesetz. Im Vinzenz-Hospital gibt es Einzellfälle, die nun geprüft werden. Ansonsten sind dort Schüler als Praktikanten im Einsatz. Wie Verwaltungsdirektor Cornelius Degenhardt berichtet, gibt es auch Praktikanten, die von anderen Betrieben kommen. Sie werden von diesen Firmen bezahlt. Und für Personen, die zum Beispiel als Sozialarbieter ein Anerkennungsjahr absolvieren, gebe es einen Tarifvertrag. Er könne aber nicht ausschließen, dass in Zukunft ein Praktikumsplatz nicht angeboten werden könne. Aktuell habe das neue Gesetz keine Auswirkungen, so Degenhardt.

Aus Sicht der NGG bringt der Mindestlohn viele Vorteile. So hat sie berechnet, dass im Kreis Wesel 44 300 Menschen vom Mindestlohn profitieren und mehr Geld im Portemonnaie haben werden. Die Einführung habe einen enormen Effekt für die heimische Wirtschaft. Wissenschaftler gehen nämlich laut NGG allein im Kreis Wesel von einer zusätzlichen Kaufkraft von 79,1 Millionen Euro aus. Wichtig sei nun, dass alle Arbeitgeber den Mindestlohn auch tatsächlich zahlen. „Es wird schwarze Schafe geben, ganz sicher. Chefs, die keine 8.50 Euro pro Stunde zahlen. Oder Unternehmer, die die Arbeitszeit so knapp bemessen, dass Überstunden anfallen, die dann zum Null-Tarif geleistet werden müssen“, sagt Hans-Jürgen Hufer, Geschäftsführer der NGG Nordrhein. Deshalb fordert die Gewerkschaft „Sonderkontrollen“ durch den Zoll.

Eine Zunahme der Bürokratie befürchtet der Unternehmerverband. Die Firmen, so Wolfgang Schmitz, Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes, seien nun in der Pflicht, aber die Umsetzung des neunen Gesetzes sei ein großer Kraftakt. Der Unternehmerverband erwartet für die Betriebe einen erheblichen zusätzlichen Aufwand. Dieser treffe aber keineswegs nur jene Firmen, die bislang unter Mindestlohn bezahlen. „Auch Unternehmen, die deutlich darüber liegen, sind betroffen, denn das Gesetz ist mit umfangreichen Berichtspflichten verbunden“, erklärt Schmitz. So betreffe die Pflicht zur Aufzeichnung der Arbeitszeiten nach dem Mindestlohngesetz in vielen Fällen Arbeitnehmer, für die sich die Mindestlohnproblematik überhaupt nicht stellt. Und jeder Betrieb müsse nun genau darauf achten, dass Anwesenheitszeit tatsächlich Arbeitszeiten sind und die Zigarette zwischendurch oder der Plausch mit den Kollegen außerhalb der Arbeitszeit stattfindet, schildert Schmitz. Unterm Strich fordert der Verband eine praxisnahe Umsetzung der Vorgaben.