Der kühne Willi

Foto: Funke Foto Services
Ursula Rissel muss noch heute lachen, denkt sie an das Lied und ihre Lehrzeit in der Drogerie Willi Kühn auf der Neustraße. Von 1950 bis 1953 wurde sie in der Drogerie ausgebildet.

Dinslaken..  „Der kühne Willi, der weiß Bescheid, er ist zum Helfen immer bereit. Selbst wenn im Grabe Du liegst und schon ein wenig riechst, der Willi, der macht Dich auch dann noch gesund....“ Ursula Rissel muss noch heute lachen, denkt sie an das Lied und ihre Lehrzeit in der Drogerie Willi Kühn auf der Neustraße. Von 1950 bis 1953 erlernte sie dort das Drogeriehandwerk, nebenbei auch noch die Fotografie und so manches andere. Denn Willi Kühn war einst eine Legende in der Stadt.

Die Trümmer waren noch nicht alle beiseite geräumt, einige Ruinen standen noch als Mahnmal des Krieges, und doch war das „ganz normale“ Leben wieder eingekehrt in der Stadt. Nun, aus heutiger Sicht, ist das mit dem „normalen“ so eine Sache, vor allem denkt man an Willi Kühn. Der war ein bunter Hund und als Wunderdoktor weit bekannt, erinnert sich die Voerderin Rissel. „Hatte jemand ein Zipperlein, ging er nicht gleich zum Arzt sondern erst zu Willi Kühn.“ Dabei war es schlichtweg egal, ob es sich um ein menschliches oder tierisches Leiden handelte, für alles war ein Kraut gewachsen, für alles wusste Drogist Kühn einen Rat.

Eine Agfa-Box für Jedermann

Im Hinterzimmer des Ladens wurde aus Doppelkorn ein „alter Kühner“, wurden Liköre kreiert, „die blaue Nacht war geradezu berühmt“, so Rissel. Und die Brust- und Hustenpastillen, die kaufte man ebenfalls bei Kühn. Im Tierreich war der eifrige Drogist ebenfalls bewandert. „Wenn der Eber nicht zur Sau ging, kam der Bauer zu Willi, der wusste schon Rat“, sagt Ursula Rissel lachend.

Da konnte es auch schon mal gefährlich werden, wenn es hieß, die Rattenplage wirksam zu bekämpfen. Da musste Lehrling Ulla ran und Kühns Phosphor-Brei anrühren. „Ich stand draußen im Garten, der Kessel innen. Durchs Fenster rührte ich Mondamin zu einem Brei an, der Chef gab dann Phosphor-Stangen hinzu. Das zischte ein bisschen.“ Hat’s geholfen? „Ich glaub schon, doch heute wäre so etwas gar nicht mehr möglich.“ Ob es damals erlaubt war, Ursula Rissel ist sich da nicht so sicher.

Related content

Zog eine Beerdigungsgemeinschaft die Neustraße entlang, schnappte sich Willi seinen Zylinder und reihte sich in den Zug der Trauergäste ein. „Dabei war es egal, ob er den Toten kannte oder nicht. Hauptsache, die Leute sagten anschließend: Du, der Willi war auch dabei“, erinnert sich die 80 Jährige. Ja, überaus geschäftstüchtig sei ihr damaliger Chef gewesen. Vor allem im Bereich der aufkommenden Fotografie für Jedermann.

„Es hatte damals kaum jemand einen Fotoapparat“, erzählt Ursula Rissel. Doch genau die wollte Kühn an den Mann bringen. Eine Agfa-Box, ein viereckiger Fotoapparat mit Bildern in den Maßen 6 x 6 – gucken, drücken,weiterdrehen, so das Prinzip der Kamera. 9,90 DM habe sie damals gekostet. Die Bilder, die Ursula Rissel damit schoss, zeugen noch heute von einer fantastischen Qualität. „Die Kamera musste ich jedem auf unseren heiß begehrten Fotoreisen anbieten.“ Und nebenbei jeden Mitreisenden fotografieren, damit möglichst viele Abzüge gekauft wurden.

Auf Fotofahrten mit HDC

Mit Hans de Cruppe (HDC) ging es hinaus in die Ferne, mal zum Rolandseck, mal zum Schloss Hugenpoet, mal nach Köln zum Dom. Nachbarn, befreundete Geschäftsleute und Kunden gingen nur allzu gern mit Willi Kühn auf Tour. Fotokurse wurden abgehalten, ja sogar ein Fotoball wurde bei Hackfort gefeiert. „Ich erlernte das Fotohandwerk, wurde zu Goldhochzeiten geschickt, durfte mit der Hochzeitskutsche fahren und fotografierte Verstorbene daheim und in der Leichenhalle. Das war damals noch üblich.“ Wirklich gern, hat die 80 Jährige nun wirklich nicht auf dem Friedhof fotografiert, doch „es war meine Arbeit und die Zeit war anders als heute.“